Oberhausers Rede vor dem Stiftungsrat

11. November 2010, 19:35
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"Einmaligkeiten" bei Chefredakteurs-Bestellung - "Unverschämte politische Einmischung" - "Wurde kalt overruled" und "als Abkassierer dargestellt"

ORF-Informationsdirektor Elmar Oberhauser verteidigte vor seiner Abwahl durch den ORF-Stiftungsrat sein Vorgehen rund um die jüngsten Personalbesetzungen im ORF. Er lieferte dabei eine Chronologie der jüngsten Personalentscheidungen im ORF aus seiner persönlichen Sicht. Nachfolgend Wortlautauszüge aus dem Redetext Oberhausers, den dieser im obersten ORF-Aufsichtsgremium verlas:

"Ich bedanke mich zunächst dafür, dass ich die Möglichkeit habe, hier vor Ihnen meine Sicht der Dinge darlegen zu können und ich möchte generell hinzufügen, dass ich die nunmehr eingetretene Situation zutiefst bedauere.

Mein Schreiben, das ich am 21.10.2010 an alle Kolleginnen und Kollegen, die in der Informationsdirektion arbeiten verschickt habe, war niemals für die Öffentlichkeit außerhalb der Informationsdirektion geplant. Die Versendung einer E-Mail an alle Mitarbeiter war auch der einzige Weg, auf dem ich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter persönlich über die Einmaligkeiten bei der Bestellung eines Chefredakteurs informieren konnte.

Dass dieses Schreiben an die Öffentlichkeit gelangt ist, konnte von mir nicht beeinflusst werden. Ich habe mit keinem einzigen Journalisten über dieses Schreiben gesprochen.

Ich habe seit ich beim ORF arbeite - vor allem aber seit ich die Funktion des Informationsdirektors ausübe - mit aller Kraft für die Unabhängigkeit und journalistische Sauberkeit des ORF gekämpft, und ich getraue mich ohne Wenn und Aber zu sagen, dass die Fernsehinformation in den letzten 4 Jahren einen Grad an Sauberkeit erreicht hat, den es bisher nie gegeben hat.

Der Kernpunkt des Problems liegt darin, dass ich nicht akzeptieren konnte und kann, dass mein wichtigster Mitarbeiter, und das ist der Chefredakteur der Informationsabteilung, gegen meinen ausdrücklichen Willen bestellt wird. Wenn zwischen dem Informationsdirektor und dem Chefredakteur der FI 1 nicht ein grenzenloses Vertrauen herrscht, kann ich meine Funktion als Informationsdirektor nicht so ausüben, wie ich es die letzten vier Jahre, wie ich glaube, mit großem Erfolg, getan habe ...

Ich musste im laufenden Jahr alle vier Hauptabteilungsleiter in der Informationsdirektion aus unterschiedlichen Gründen neu bestellen. Die erste Neubestellung betraf die FI 9. Für mich war es keine Frage, dass Peter Resetarits der logische Nachfolger des in Pension gegangenen Johannes Fischer war. Plötzlich kursierten aber Gerüchte, dass nicht Peter Resetarits, der der eindeutige Wunschkandidat der Redaktion war, sondern Frau Lisa Totzauer, die als Sendungsverantwortliche der 'Zeit im Bild' um 19.30 Uhr tätig ist, diese Funktion übernehmen sollte. Ich habe diese Gerüchte zum Anlass genommen, den Generaldirektor darauf aufmerksam zu machen, dass Frau Totzauer in meinen Augen für die Funktion des HAL FI 9 nicht geeignet war, weil sie nie in einer Dokumentations- oder Magazinredaktion gearbeitet hatte und weil sie nie Führungsaufgaben in dieser Form wahrnehmen hatte müssen.

Bei der Verabschiedung von Alfred Treiber habe ich den damals frisch bestellten Stiftungsrat Niko Pelinka darauf angesprochen und er sagte mir offen heraus, dass die Bestellung von Frau Totzauer zwischen Josef Ostermayer, GD Wrabetz, Clubobmann Kopf und Richard Grasl abgesprochen sei. Ich machte ihm klar, dass ich eine derart unverschämte politische Einmischung niemals akzeptieren würde. Ich habe den GD darüber informiert, mit Frau Totzauer ein langes Gespräch geführt und ihr davon abgeraten, sich zu bewerben. Es folgten dann mehrere Hearings und Abstimmungen, die Peter Resetarits alle haushoch gewann. Um einen Kompromiss zu finden, habe ich Generaldirektor Wrabetz dann vorgeschlagen, die in den Hearings Zweitplatzierte, Mag. Waltraud Langer, zur Hauptabteilungsleiterin FI 9 zu bestellen. Dr. Wrabetz ist diesem Vorschlag auch gefolgt.

Wenige Wochen später ging es um die Bestellung eines Chefredakteurs für die FI 1, nachdem klar war, dass der amtierende Chefredakteur Mag. Karl Amon zum Radiodirektor bestellt werden sollte. Ich hatte GD Wrabetz sehr frühzeitig darüber informiert, dass mein Wunschkandidat für diese Funktion Dr. Herbert Lackner wäre. Wir sind übereingekommen, dass ich mit Dr. Lackner ein Gespräch führe. Lackner hat aber mit der Begründung abgesagt, dass er nie im Fernsehen gearbeitet habe und er sich die Führung einer derart großen Redaktion nicht zutraue. Damit war die Sache völlig offen.

Mittlerweile war die Funktion des Hörfunkchefredakteurs ausgeschrieben. Stefan Ströbitzer, damals stellvertretender Chefredakteur der FI 1, fragte mich um Perspektiven für seine Zukunft und ob er sich für die Radiochefredaktion bewerben solle. Ich machte ihm keinerlei Zusagen, verwies auf die anstehende Bestellung eines Chefredakteurs für die FI 1, falls Karl Amon Radiodirektor werde, und meinte, es sei ausschließlich seine Angelegenheit, ob er sich für den Hörfunkchefredakteur bewerbe oder nicht. Er bewarb sich, wie ich weiß über ausdrückliche Aufforderung von Dr. Wrabetz, musste aber zur Kenntnis nehmen, dass sich die Redakteursversammlung der H 1 mit großer Mehrheit für Hannes Aigelsreiter als Chefredakteur ausgesprochen hatte. Trotzdem bestellte Generaldirektor Wrabetz Stefan Ströbitzer zum Hörfunkchefredakteur. Ich erfuhr von dieser Bestellung, über die mit mir nie ein Wort gesprochen wurde, während eines Aufenthaltes beim Forum Alpbach aus der APA. Auch Karl Amon hat mir dann erzählt, er habe von der Bestellung Ströbitzers aus der APA erfahren. Heute stell ich mir die Frage, musste hier der logische Amon-Nachfolger für die Chefredaktion der Fernsehinformation blitzartig ins Radio verschoben werden?

Am 20. September abends traf ich mich mit Laura Rudas über deren Wunsch im Cafe Landtmann. Sie machte mir dort unmissverständlich klar, dass sie Dr. Fritz Dittlbacher als den bestgeeigneten Kandidaten für die Funktion des Fernsehchefredakteurs betrachte. Andere von mir dort genannte Alternativen lehne sie kategorisch ab. Unter Hinweis, auf die Differenzen bei der Bestellung des HAL FI 9, ersuchte ich sie die Finger von dieser Personalentscheidung zu lassen, weil ich sicher keine Wünsche einer Partei erfüllen werde.

Es gab dann eine Redakteursversammlung der FI 1 im Beisein von Dr. Wrabetz und mir, bei der die Redaktion darauf drängte, die Funktion des Chefredakteurs endlich nachzubesetzen. Und mir wurde dort deutlich klar, dass der Wunschkandidat der Redaktion Stefan Ströbitzer wäre.

Ich führte in der Folge mit allen in Frage kommenden Kandidaten mehrere lange Gespräche, um ein Bild zu bekommen, wer tatsächlich der bestgeeignete Kandidat für die Funktion des Chefredakteurs wäre. Ich spürte aber sehr bald, dass ich hier sehr einsam unterwegs war, weil ich mit all meinen Vorschlägen bei Generaldirektor Wrabetz keinerlei Gehör fand.

Meine Vorschläge waren, Stefan Ströbitzer zum Fernsehen zurückzuholen, außerdem schlug ich vor, Dr. Armin Wolf oder den derzeitigen Leiter unseres Korrespondentenbüros in Brüssel, Dr. Raimund Löw, oder Mag. Wolfgang Wagner, den derzeitigen Sendungsverantwortlichen der 'ZiB 2' zum Chefredakteur zu bestellen. Aber wie schon erwähnt, alle diese Vorschläge fanden bei Dr. Wrabetz kein Gehör.

 

Ich musste dann vertrauliche Informationen zur Kenntnis nehmen, dass Dr. Wrabetz hinter meinem Rücken schon die längste Zeit mit Fritz Dittlbacher über neue Strukturen in der FI 1 und über neue Stellenbesetzungen verhandelte.

Ich möchte auch hier festhalten, dass ich persönlich nicht das Geringste gegen Fritz Dittlbacher habe. Ich halte ihn für einen der besten Journalisten des Hauses. Aber die Funktion eines Chefredakteurs erfordert weit mehr, als nur guter Journalist zu sein. In meinen Augen verlangt dies Funktion auch erstklassige Management Kenntnisse. Die habe ich Fritz Dittlbacher nicht zugetraut, weil er bisher nicht einmal eine Abteilung geführt hat.

Ich habe diese, meine Bedenken Fritz Dittlbacher auch in mehreren persönlichen Gesprächen offen dargelegt. Ich habe Fritz Dittlbacher mehrfach klargemacht, dass ich den 'Sprung' vom stellvertretenden Leiter der Innenpolitikredaktion zum Chefredakteur für zu groß halte. Ich habe Fritz Dittlbacher auch angeboten, die Leitung der Inlandsredaktion zu übernehmen und gleichzeitig stellvertretender Chefredakteur zu werden. Dies hätte die Chance beinhaltet, dass Dittlbacher zeigen kann, ob er den Aufgaben eines Chefredakteurs gewachsen ist oder nicht. Ich habe Fritz Dittlbacher auch auf die, meiner Meinung nach unvereinbare Situation aufmerksam gemacht, die entsteht, wenn der Chefredakteur ist und seine Frau weiterhin die 'Zeit im Bild 2' moderiert.

Ich bin dann vom GD aufgefordert worden, einen offiziellen Vorschlag für die Besetzung der Chefredakteursstelle zu machen.

Und ich habe offiziell vorgeschlagen Dr. Armin Wolf zum Chefredakteur zu bestellen.

Ich weiß, dass auch Armin Wolf das Manko hat, nie eine große Redaktion geleitet zu haben, aber er war einige Jahre Chef der damaligen 'ZiB 3' und er hat in den letzten Monaten sehr erfolgreich ein einschlägiges Studium absolviert. Mein Hauptargument für Armin Wolf als Chefredakteur war aber, dass er ein unglaubliches Signal für die Unabhängigkeit unseres Hauses und einen sauberen, sehr kritischen Journalismus gewesen wäre.

Wie schon gesagt, mein Wunsch Stefan Ströbitzer, der vier Jahre lang Stellvertreter von Mag. Karl Amon gewesen ist, zurückzuholen, hat Dr. Wrabetz mit dem Argument abgelehnt, das wäre für ihn ein Gesichtsverlust.

Wenige Minuten nachdem ich meinen offiziellen Vorschlag dem Generaldirektor übergeben habe, hat Dr. Wrabetz, ohne jedes weitere Gespräch, die Bestellung Fritz Dittlbachers zum Chefredakteur bekanntgegeben.

Das von Dr. Wrabetz mehrfach verwendete Argument, Dr. Dittlbacher habe bei der Abstimmung bei der Redakteursversammlung eine große Mehrheit erzielt, geht meiner Meinung nach ins Leere. Der schon erwähnte Peter Resetarits hatte bei den Redakteurinnen und Redakteuren eine höhere Zustimmung gefunden und wurde nicht bestellt. Das selbe gilt für Dr. Walter Köhler in der FI 2 und für Hannes Aigelsreiter in der HD 1.

Und noch eine Frage möchte ich stellen: sowohl bei der Bestellung der Hauptabteilungsleiter FI 2 und FI 9, als auch bei der Bestellung des Radiochefredakteurs, hat es zum Teil mehrere Hearings gegeben. Wieso nicht bei der FI 1?

Ich war völlig vor den Kopf gestoßen, weil ich zur Kenntnis nehmen musste, dass ich bei der Bestellung meines wichtigsten Mitarbeiters nicht mitreden konnte, sondern kalt overruled wurde.

Diese Art der Personalpolitik ist in den letzten Monaten zum System geworden. Den Fall Ströbitzer habe ich Ihnen schon geschildert. Aber auch bei der Bestellung des Koordinators für die Auslandskorrespondenten bin ich völlig übergangen worden. Ich habe aus der Zeitung erfahren, dass Dr. Wrabetz Roland Adrowitzer mit dieser Funktion betraut hatte. Hinter meinem Rücken vermutlich deshalb, weil ich immer die Meinung vertreten hatte, dass dieser Posten einzusparen wäre und die Koordination der Auslandskorrespondenten wesentlich sparsamer und effizienter durch die Auslandsredaktion wahrgenommen werden hätte können.

Zurück zur Bestellung Fritz Dittlbachers als Chefredakteur: ich habe diese Entscheidung des Generaldirektors überschlafen und am nächsten Morgen in einem Schreiben an alle Mitarbeiter, die ja ein Recht darauf hatten, informiert zu werden, dargelegt, wie die Sache gelaufen ist und welche Vorstellungen ich gehabt hätte. Um es noch einmal zu betonen: hier handelte es sich um ein internes Schreiben an die Mitarbeiter, das nie für die Öffentlichkeit gedacht war.

Dieses Schreiben hat auch nicht im Geringsten mit Illoyalität zu tun und es ist überhaupt keine Frage, dass ich ohne wenn und aber akzeptiere, dass der Generaldirektor das letzte Wort hat.

Aber ich sehe es auch als eine meiner grundsätzlichsten Aufgaben als Informationsdirektor, Bedenken und Problemstellungen zu äußern. Es liegt in meiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass unsere Aufgaben bestmöglich wahrgenommen werden. Kein Mensch hätte mich verteidigt, wenn es im Bereich der derzeit exzellent funktionierenden Information Schwierigkeiten gegeben hätte.

Ich habe mit Fritz Dittlbacher nach seiner Bestellung ein ausführliches Gespräch geführt und ihm gesagt, dass ich ihm nicht sagen könne, wie es jetzt weitergehe, dass er aber, wenn ich in meiner Funktion bleibe, meine 100prozentige Unterstützung habe.

Dazu ist es nicht mehr gekommen. Ich wurde von Dr. Wrabetz auf dem Weg zu Verhandlungen über einen neuen Skirechte Vertrag nach Sölden zurückgerufen. Er hat mir in einem Vieraugengespräch klargemacht, dass er von mir eine Rücknahme meines Briefes an die Mitarbeiter und eine Entschuldigung verlange.

Nachdem ich dies abgelehnt hatte, sagte er mir, dass ich beurlaubt sei. Ich teilte Dr. Wrabetz schriftlich mit, dass ich diesen Zwangsurlaub nicht verstehe und dass ich selbstverständlich bereit wäre, trotz der bestehenden Differenzen meine Arbeit weiterhin zu tun.

Ich sage dies vor allem auch deshalb, weil ich jetzt in der Öffentlichkeit nach 40 Jahren Zugehörigkeit zu diesem Unternehmen als Abkassierer dargestellt werde (Ich weiß, dass diese Vernaderungen alle aus dem Haus kommen). Ich bin selbstverständlich bereit, für mein Geld weiterzuarbeiten und will nichts geschenkt haben.

Ich habe gestern, nach einem Gespräch mit Frau Kulovits-Rupp, das mir nach ihrem Interview im STANDARD nicht leicht gefallen ist, und mit Franz Medwenitsch deponiert, dass ich an einer gütlichen Lösung interessiert bin und dass ich bereit bin, bis zum Auslaufen meines Vertrages für den ORF weiterhin die Sportrechte zu verhandeln.

Das ist ein ganz schwieriges Thema, weil der Vertrag über die Österreichischen Skibewerbe, Alpin und Nordisch, im kommenden Jahr ausläuft, und erstmals EU-weit ausgeschrieben werden muss. Die Formel 1-Rechte hat der ORF noch für eine Saison und auch die Rechte für die Olympischen Sommer- und Winterspiele müssen ab dem Jahr 2012 neu verhandelt werden. Hier ergibt sich die Situation, dass diese Rechte nicht mehr über die EBU zu bekommen sind, sondern direkt mit dem IOC bzw. mit einer vom IOC beauftragten Agentur verhandelt werden müssen.

Mein Angebot ist allerdings abgelehnt worden.

Ich ersuche Sie jetzt selbst zu beurteilen, ob mein Hinausschmiss gerechtfertigt ist oder nicht."

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    Elmar Oberhauser schilderte dem Stiftungsrat seine Sicht der Dinge.

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