Integration in kleinen Gemeinden sehr gut

11. November 2010, 11:48
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Gemeindebund-Präsident und Politikwissenschafter sehen Handlungsbedarf auf vielen Ebenen

Die Kritik des türkischen Botschafters Kadri Ecved Tezcan schlägt hohe Wogen: Neben vielen erzürnten Reaktionen, ist die Stimme der Zustimmung durchaus hörbar. Dass Österreich in Sachen Integration auf vielen Ebenen versagt hätte, behaupten sowohl Gemeindebund-Präsident Helmut Mödlhammer als auch der türkischstämmige Politologe Kenan Güngö am Donnerstag im Gespräch mit Ö1.

Schuss nach hinten

"Zutiefst getroffen", zeigt sich Mödlhammer von den klaren Aussagen des Botschafters. "Der Schuss geht nach hinten los", befürchtet der Gemeindebund-Präsident und fürchtet um "das gute Klima, das größtenteils vorhanden ist". Ihm zufolge funktioniere die Integration in den meisten Gemeinden, vor allem in den kleineren, sehr gut.

Probleme gebe es vorwiegend in den Städten und Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern. Anonymität, Ghettobildung und fehlende Bürgerbeteiligung würden hier zur fehlenden Integration beitragen. Diese Entwicklungen seien von allen Verwaltungsebenen (Bund, Länder und Gemeinden) viel zu lange zugelassen worden.

Von den Bürgermeistern wünscht sich der Gemeindebund-Präsident eine "vernünftige Durchmischung" im sozialen Wohnbau und richtet an die Bundesregierung die Forderung nach schnelleren Asylverfahren, die nicht länger als ein Jahr dauern dürften.

Integration ohne Anerkennung

Dem türkischstämmigen Politologen, Kenan Güngör, geht es in dieser Diskussion vor allem um eine differenzierte Betrachtung der türkischen Migranten. Neben einer kleinen Spitzenelite und einer Unterschicht, die nicht die Mehrheit ausmachen, gebe es einen "ganz großen Teil von Migranten, die schon längst die Mittelschicht der Gesellschaft bilden", über die aber nicht gesprochen werde, kritisiert Güngör. Den Argumenten, wenn auch nicht dem Tonfall des Botschafters, stimmt der Politologe zu, denn inhaltlich sehe er keine Punkt, "der nicht schon seit 15 oder 20 Jahren bekannt ist"

Hierzulande gebe es das "Phänomen von Integration ohne Anerkennung": Dies würde nicht funktionieren, meint der Politologe, der auch Aufholbedarf auf Seiten der türkischstämmigen Bevölkerung sieht. Jeder, der in ein Land kommt, sollte auch bereit sein, Leistung zu erbringen, hält Güngör fest. 

Deutschlernen vor dem Zuzug oft unmöglich

Die von Gemeindebund-Präsident Mödlhammer angesprochene Ghettoisierung hätte aber mehr soziale, als ethnische Gründe. Mehr Qualität in der Schulbildung soll dem entgegenwirken, so Politologe Güngör, der als Siebenjähriger aus der Türkei nach Deutschland gekommen war. Die Forderungen, dass Migranten vor dem Zuzug schon Deutsch sprechen können sollten, hält er für unfair, da viele - so wie er selbst als Kind - einfach nicht die Möglichkeit dazu hätten. (red)

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    Über die große Mittelschicht der Türken würde nicht gesprochen werden, meint Politologe Kenan Güngö.

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