"Spricht aus unseren Herzen"

10. November 2010, 21:41
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Türkischer Außenminister versucht indes zu kalmieren

Wien - Gegenstimmen zu den Äußerungen ihres Vertreters gab es am Mittwoch in der türkischen Botschaft keine. Zumindest keine hörbaren. Nur ein paar wenige Gäste, die anlässlich der Gedenkfeier zum 72. Todestag von Staatsbegründer Mustafa Kemal Atatürk gekommen waren, zogen es vor in der Causa zu schweigen.

Den meisten Türken jedoch sprach ihr Botschafter Kadri Ecved Tezcan mit seiner Kritik "aus dem Herzen" , wie es der junge Arzt Mehmed Özsoy ausdrückt. Seine Wortwahl sei nicht sehr diplomatisch gewesen, "aber vielleicht hat er damit genügend Aufmerksamkeit geschaffen, damit beide Seiten sich treffen, um eine gesunde und richtige Integrationspolitik zu entwickeln" . Die würde es in seinen Augen nämlich hierzulande nicht geben. Unterstützung bekam Tezcan auch von einem der Musiker, die später die sechs Lieblingslieder Atatürks spielten: "Mit dem was ich gelesen habe, stimme ich völlig überein. Es war gut, was er gesagt hat." Dass Tezcan in seiner Funktion als Repräsentant über das Ziel geschossen haben könnte, sah er nicht so - schließlich habe der Botschafter erklärt, als Privatmann geantwortet zu haben.

Dieser Satz könnte ihn nun vor einer Abberufung durch den türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu bewahren. Dieser betont, sein Botschafter habe im umstrittenen Interview nur seine "persönlichen Ansichten" geäußert. Davutoglu habe mit seinem österreichischen Pendant Michael Spindelegger (ÖVP) und Tezcan selbst gesprochen. Dessen Äußerungen hätten bei den Österreichern wunde Punkte berührt und würden als "problematisch angesehen" . Ob er den Diplomaten abberuft ist noch offen.

Während des Festaktes selbst erwähnte Tezcan die Entwicklungen seit dem Interview mit keiner Silbe. Erst als alle sechs Lieder verklungen waren, trat er vor die wartenden Journalisten und erklärte auf türkisch, dass er mit seinen Aussagen niemanden beleidigen oder verletzen wollte. Er habe lediglich den Anstoß zu einer Diskussion geben wollen.  (Julia Herrnböck/DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2010)

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