Ein intellektueller Aderlass

9. November 2010, 19:49
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Die Streichung der Förderung von Forschungsinstituten kostet mehr, als sie bringt

Am 22. Jänner 2011 wird in Österreich des 100. Geburtstags von Bruno Kreisky gedacht. Das Kreisky-Archiv, das seit Jahrzehnten die Akten des legendären Kanzlers verwaltet, könnte drei Wochen davor seine Pforten schließen.

Das ist eine der absurden Folgen der Maßnahme, mit der Wissenschaftsministerin Beatrix Karl ganze 28 Millionen Euro in den kommenden Jahren einsparen will. Die Streichung der Grundfinanzierung für außeruniversitäre Forschungseinrichtungen ist nur ein kleiner Posten im großen Sparbudget - aber einer, der das intellektuelle Leben in Österreich verarmen lässt.

Österreich hat keine berühmten Thinktanks wie die USA. Aber von den dutzenden unabhängigen wissenschaftlichen Instituten spielen viele eine positive Rolle, die weit über ihre mageren Budgets hinausgeht. Sie dienen als Ausbildungsstätten für junge Forscher, beeinflussen mit ihren Studien öffentliche Debatten, bringen führende ausländische Köpfe zu Vorträgen und Tagungen ins Land und pflegen jene Internationalität, die vielen Uni-Fakultäten fehlt. Was wäre Wien etwa ohne das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) und den weltweiten Kontakten seines Gründers Krystof Michalski?

Gerade weil unsere Universitäten immer noch zu Bürokratie, Inflexibilität und mangelndem Medienverständnis neigen, fallen die Aktivitäten kleinerer Institute umso stärker auf. Oft sind sie Vorreiter bei der Mobilisierung von EU-Geldern für ihre Projekte. Aber auch dafür benötigen sie eine Grundfinanzierung, die oft die Hälfte ihres Budgets ausmacht.

Es stimmt, dass die Unis jeden Euro bitter benötigen, aber die finanzielle Umschichtung von den Kleinen zu den Großen bedeutet für den Forschungs- und Innovationsstandort in Summe einen signifikanten Verlust.

Karl behauptet nun, dass sie die unabhängigen Einrichtungen nicht umbringen will, sondern eine Strukturbereinigung anstrebt. Tatsächlich gibt es einige Institute, die in einer anderen Ära gegründet wurden und heute vor allem dem Selbstzweck dienen. Manche Organisationen würden auch von einer engeren Anbindung an entsprechende Uni-Institute profitieren.

Aber wer das Gießkannenprinzip bei Förderungen beenden will, der kann nicht einfach den Hahn abdrehen. Und wenn gerade die Institute der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft, deren Präsident Raiffeisen-Chef Christian Konrad ist, verschont bleiben, dann entsteht auch politisch eine äußerst schiefe Optik.

Notwendig wäre eine Evaluierung des gesamten außeruniversitären Sektoren durch externe Experten, die dann Empfehlungen abgeben, was gefördert, was gebündelt und was geschlossen werden sollte. Auf einer solchen Grundlage könnte Karl auch mit gutem Gewissen manchen Instituten den Garaus machen. Andere könnten verstärkt auf Sponsoring und das Sammeln von Spenden setzen, die schon seit Jahren steuerlich absetzbar sind. Aber das braucht Zeit und gute Vorbereitung. Mit der überfallsartigen Streichung der Grundfinanzierung verhindert die Wissenschaftsministerin eine sinnvolle Reform des Sektors.

"Zuerst habe ich den Brief erhalten, dass wir kein Geld mehr kriegen, und dann wurde ich zu einem Gespräch mit der Ministerin eingeladen. Aber worüber sollen wir noch reden?", fragt ein betroffener Institutschef. Genauso planlos wie die ganze Bildungspolitik ist auch dieser Schritt - und der Schaden, den er anrichtet, besonders groß. (Eric Frey, DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2010)

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