Der Schuleintritt als Kulturschock

9. November 2010, 17:58
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90 Prozent mit Migrationshintergrund - Alltag an einer Schule in Wien-Ottakring

Ein Rudel quiekender, lachender Kinder tollt die Treppe der Kooperativen Mittelschule I (KMS I) in Ottakring Richtung Pausenhof hinunter. Sie kommen aus der Türkei, China, Korea, Bosnien, Afghanistan - mehr als 20 Nationen sind an der Schule vertreten.

2009 hatten 86 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, in diesem Jahr sind es bereits 90. Aus einem Klassenzimmer hallt die sich überschlagende Stimme einer Lehrerin: "Warum stehst du schon wieder auf während der Stunde? Wenn jemand ein Wort nicht versteht, soll er es unterstreichen."

Der ganz normale Wahnsinn? Wohl kaum. "Wir sind mit anderen Anforderungen konfrontiert, den Lehrplan umzusetzen", sagt der Direktor Michael Georgieff. Er selbst hat bulgarische Wurzeln und leitet die Schule seit etwa einem Jahr. Über spezielle Fördermaßnahmen wird versucht die Kinder "abzuholen", sie in die deutsche Sprache einzuführen. Das geht vom Begleitunterricht bis zu Einzelstunden und Kooperationen mit weiterführenden Bildungseinrichtungen. Das Engagement der einzelnen Lehrer ist groß, auch der Bezirksschulinspektor habe für die Bemühungen der KMS I ein offenes Ohr. "Das klingt jetzt sehr harmonisch, die Wahrheit ist jedoch, dass wir viele Schüler erst mit den kulturellen Rahmenbedingungen in Österreich vertraut machen müssen." Damit meint Georgieff hygienische Bedingungen, Höflichkeit, Verhaltensnormen. Vereinzelte Kinder würden einen regelrechten Kulturschock erleiden, wenn sie nach Österreich kommen. Im Alter von zehn oder elf Jahren haben sie noch nie ein Schulgebäude von innen gesehen, einzelne seien im Schreck davongelaufen.

Gemeinsames Weihnachtsfest

Vom Kreuz an der Wand zeugt derzeit ein vergilbter Abdruck: Von 24 Kindern der ersten Klasse sind nur drei katholisch. Weihnachten wird trotzdem gemeinsam gefeiert. Das Konfliktpotenzial sei nicht höher als an anderen Schulen, sagt Georgieff. Bei der Klassenaufteilung achtet er dennoch auf Ausgleich der Nationalitäten. In der Übung "Soziales Leben" lernen die ersten beiden Schulstufen Konflikte zu lösen.

An diesem Vormittag bekommen sie ihre erste Schularbeit zurück, Mathe. Sladjana hat 44 von 85 Punkten erreicht, gerade noch Genügend. Eine Sonderschullehrerin schaut ab und zu im Unterricht vorbei. Möglichst früh soll sie herausfinden, ob besonders schwache Leistung sprachlich oder intellektuell bedingt ist. Oft sei es besser ein Jahr zu wiederholen. In der Klasse sitzt auch ein Mädchen, das nur Serbisch spricht. Sie ist erst seit zwei Tagen in Österreich. Die Begleitlehrerin legt ihr ermunternd den Arm auf die Schulter. Georgieff würde sich mehr Lehrer mit Migrationshintergrund wünschen. "Kinder suchen Geborgenheit und Verständnis, eine gemeinsame emotionale Geschichte ist im Sinne der Überleitung sehr wertvoll."

Die sprachlichen Schwierigkeiten sind beträchtlich, oft sind pädagogische Gespräche mit den Eltern nicht möglich. Viele Kinder würden mit Deutsch nur im Unterricht konfrontiert, die nachmittägliche Reizüberflutung in der Muttersprache reicht nicht selten bis zum Fernsehprogramm. Das ganztägige Betreuungsangebot ist ein wichtiges Element für die Integration. Die Teilnahme ist freiwillig, die Kosten einkommensabhängig. Wenn keine Mittel vorhanden sind, werden Freiplätze organisiert. Die reale Armut ist neben der Sprachlosigkeit die zweite Sorge des Direktors: Einige Kinder bekommen keine Jause, das Geld fehlt auch für Aktivitäten.

Die Politik agiere zu zögerlich, meint Georgieff: "Sie überlässt sprachlichen Gruppierungen den Raum." In manchen Gebieten sei es gar nicht mehr notwendig, Deutsch zu lernen. Seine Schüler will er animieren, Mehrsprachigkeit als Chance zu begreifen. Es gibt Unterricht auch in Bosnisch und Kroatisch. Im letzten Jahr gewann die Schule, als einzige in Wien, das Sprachinnovationssiegel des Bundesministeriums. (Julia Herrnböck/DER STANDARD-Printausgabe, 10.11.2010)

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