Volkszählung: Bürger proben den Aufstand

9. November 2010, 17:25
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Chinesen pochen auf ihre Privatsphäre, verschließen ihre Türen oder lassen die Hunde auf die Zähler los

Seit Anfang November läuft in China die größte Volkszählung aller Zeiten. Doch die Beamten stoßen auf Widerstand. Die Chinesen pochen auf ihre Privatsphäre, verschließen ihre Türen oder lassen die Hunde auf die Zähler los.

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Chinas Bevölkerung konnte es im Fernsehen verfolgen, als die Volkszähler die kaiserlichen Gärten der Mittleren und Südlichen Seen Pekings betraten. Der prächtige Amtssitz "Zhong Nanhai", wo die Kommunistische Partei in Nachbarschaft zum Kaiserpalast residiert, wurde lange die neue verbotene Stadt genannt. Parteichef und Staatspräsident Hu Jintao empfing die beiden Zähler im Amtsraum "Huai Rentang", wo einst auch Kaiserinwitwe Cixi ihre dienstlichen Geschäfte regelte. Vor laufender Kamera antwortete Hu auf die erste Frage: "Ich bin im Dezember 1942 geboren." Ein CCTV-Sprecher kommentierte: "Unser Führer macht beim Zensus wie jeder normale Bürger mit."

Nicht ganz. Denn die 100.000 Volkszähler, die seit dem 1. November für den größten Zensus der Welt auf die Hauptstadt losgelassen wurden, sollen den normalen Bürgern in seiner privaten Wohnung aufsuchen.

Sie fragen nach der Größe seiner Zimmer, nach Badezimmer und Küche, nach der Höhe der Miete. Sie wollen die Zahl seiner Kinder wissen - hoffentlich nur eins - und ob er und alle, die mit ihm wohnen, im Meldebuch der aus planwirtschaftlichen Zeiten stammenden Wohnortregistrierung (Hukou) eingetragen sind. Und ob sie überhaupt noch da wohnen, wo sie gemeldet sind?

Verweigerung allgegenwärtig

Viele Bürger ärgern sich über den Einbruch in die Privatsphäre. Fünf Volkszählungen hat China seit 1953 erlebt; dem derzeit sechsten Zensus, den die Regierung als "größte Massenmobilisierung zu Friedenszeiten" anpreist, entziehen sich die Bürger, wo sie nur können. Im ersten halben Jahrhundert der Volksrepublik hatten die Chinesen keinerlei Anrecht auf Privatsphäre - nun pochen sie erstmals darauf.

Die Verweigerung ist nicht organisiert, aber allgegenwärtig. Besonders die Mittelschichten wollen zumindest in den eigenen vier Wänden von Partei und Regierung in Ruhe gelassen werden.

In der Weltmetropole Shanghai hat sich das Bewusstsein dafür eingeprägt, seitdem das Recht auf Eigentum 2003 in die sozialistische Verfassung aufgenommen wurde. Der Shanghaier Volkszähler Jiang registrierte verdutzt, dass die Leute ihn ausfragten - und nicht umgekehrt. Sie hakten bei jeder Frage auf seinem Volkszählungsbogen ein und wollten wissen, warum er das alles erfahren müsse.

Die 100.000 Warums

Er habe sich an die Schulbücher seiner Kindheit "Die 100.000 Warums" erinnert, klagte Jiang der Zeitung Xinmin Wanbao. Einige hätten die Polizei-Notrufnummer "110" gewählt, andere unterschrieben ihren Fragebogen mit "Wumingshi" (Anonymer Bürger).

Viele Shanghaier befürchteten zudem, dass Zensus und Steueramt gemeinsame Sache machten, nur um herauszukriegen, ob der Besitzer einer Wohnung Zimmer an andere untervermiete oder ob ihm noch eine zweite Eigentumswohnung gehört. Shanghais höchster Zensusbeamte Zhu Zhanghai musste öffentlich versichern, dass seine Zähler nur nach Lebensumständen und Wohnbedingungen fragten - nicht aber nach Wohn- und Hausbesitz.

Unter der Heerschar der 6,5 Millionen Zähler, die bis kommenden Mittwoch 400 Millionen Familien in China aufspüren und befragen sollen, breite sich bei vielen Frust aus, meldete Chinas Lokalpresse. Der Kantoner Volkszähler Wen Zhibin klagte in der Yangcheng, die Menschen öffneten die Türen nicht oder blieben den ganzen Tag verschwunden. "Das Licht ist an, ich höre Stimmen, und fühle mich durch das Guckloch beobachtet."

In der Nankinger Vorstadt Xiaguan trauen sich Volkszähler nur noch in Begleitung von hundeerfahrenen Polizisten zu den Haushalten, meldete die Yangzi Wanbao. Die Bürger "halten bissige Schäferhunde". Vor allem in den Dörfern ließen Bauern ihre Hunde von den Ketten, wenn sie nach der Kinderzahl gefragt wurden oder in welcher Stadt die Wanderarbeiter ihres Dorfes zu finden seien.

Deren Erfassung bereitet Chinas Volkszählern die größten Probleme. Auf 230 Millionen Menschen schätzen Chinas Behörden die Zahl der mobilen Bevölkerung. Die Beamten müssen Wanderarbeiter in ihren Unterkünften in Fabriken oder auf Baustellen aufstöbern. Und sie zuallererst finden.

Chinas Vizepremier Li Keqiang hatte in einer Fernsehansprache vor Beginn des Zensus an die Nation appelliert. Sich zählen zu lassen sei erste Bürgerpflicht. Li, der als designierter Nachfolger für Premier Wen Jiabao 2012 gilt, gestand vergangenen Freitag ein, dass es Probleme mit der Zählung von Wanderarbeitern gebe. Sie seien nicht mehr auffindbar.

In Ostchinas Provinz Jiangsu konnten bis Sonntag laut Medien zwar 50 Prozent aller Familien befragt werden, doch die Zähler zweifelten den Wert ihrer Daten an: Viele Befragte sagten schnell irgendetwas, um die Zähler loszuwerden. Nachprüfungen seien nötig. Das Statistische Amt in Peking kündigte an, alle Ergebnisse über einen weiteren Mikrozensus vom 11. bis 30. November überprüfen zu lassen. Die Ergebnisse sollen nach April 2011 bekannt werden. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2010)

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    Entspannung im Park: Chinesinnen im Zentrum von Xingdao. Bei der Volkszählung haben die Behörden große Probleme.

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