In ein Leben in Armut vertrieben

9. November 2010, 18:01
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Ein Buch zeigt das Schicksal der in der NS-Zeit verfolgten österreichischen Anwälte

Marianne Beth war die erste Jus-Absolventin und Anwältin in Österreich und eine führende Kämpferin für Frauenrechte in Europa. Ende 1938 wurde die Frau eines evangelischen Theologen und zweifache Mutter wegen ihrer jüdischen Herkunft aus der Rechtsanwaltsliste gelöscht. Beth emigrierte mit 49 Jahren in die USA, wo sie nicht mehr als Juristin arbeiten konnte. Sie unterrichtete "für sehr wenig Geld" Soziologie an einem College und starb 1984 verarmt im Altersheim.

Beths Schicksal und das von 1913 weiteren österreichischen Anwälten, die 1938 zumeist aus rassischen Gründen ihre Berufserlaubnis verloren, wird in dem am Montag vorgestellten Buch Advokaten 1938 des "Vereins zur Erforschung der anwaltlichen Berufsgeschichte der zwischen 1938 und 1945 diskreditierten Mitglieder der österreichischen Rechtsanwaltskammern" aufgezeichnet.

Statt 2541 nur 771 Anwälte

Die Zahlen, die Vereinsobfrau Alix Frank-Thomasser und Gerhard Benn-Ibler, Präsident des Österreichischen Rechtsanwaltskammertags (Örak), präsentierten, sind erschreckend: Zur Zeit des Anschlusses im März 1938 waren in Österreich 2541 Anwälte registriert, zu Jahresende waren es nur noch 771. 1830 Anwälte wurden wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt, 338 in Konzentrationslager deportiert, davon 303 ermordet. Dutzende begangen Selbstmord. Die Mehrheit musste - oft nach kurzer KZ-Haft - flüchten, wobei nur die wenigsten in der Emigration - wegen der unterschiedlichen Rechtssysteme und aufgrund erlebter psychischer Qualen - danach in den Anwaltsberuf zurückkehrten. Viele waren bis ans Lebensende auf Gelegenheitsarbeiten oder Almosen angewiesen, so etwa der Villacher Anwalt Marzell Glesinger, der in Israel als Lastenträger und Nachtwächter arbeitete, oder Gustav Leipen, der in den USA von Zuwendungen seines Neffen lebte. Auch der Präsident der Wiener Rechtsanwaltskammer, Siegfried Kantor, arbeitete in den USA nicht mehr als Anwalt. Eine Ausnahme war Abraham Groß, der in Palästina erneut die Anwaltsprüfung machte und bis zu seinem Tod als Anwalt tätig war.

Keine großen Vermögen

Die Dokumente, die von den Autorinnen Barbara Sauer und Ilse Reiter-Zatloukal ausgewertet wurden, zeigen ein Bild eines Berufsstandes, das den antisemitischen Klischees der reichen Juden gar nicht entsprach. Es gab vor allem deshalb so viele jüdische Anwälte in Österreich, weil Juden bis Anfang des Jahrhunderts der Beamtenstand verwehrt war. Nach 1918 strömten Juristen aus Provinzen der Monarchie nach Wien, nach dem Börsenkrach 1929 verloren viele ihre Stellen in Banken und Unternehmen und ließen sich dann als Anwälte nieder. Meist arbeiteten sie allein in der eigenen Wohnung, mit der Ehefrau als Kanzleihilfe. Die Vermögensaufstellungen aus den NS-Archiven bestehen zum Großteil aus Kleinstforderungen an säumige Klienten, sagt Frank-Thomasser.

Viele Vertriebene wollten nie wieder österreichischen Boden betreten, aber einige kehrten nach 1945 zurück, wie Anton Pick, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde wurde. Für Benn-Ibler sind die Rückkehrer typisch für einen Berufsstand, der oft mit Leidenschaft am Aufbau eines Staates mitarbeitet. Anwälte seien die ersten freien Berufe, die die NS-Verfolgung systematisch dokumentierten, betont der Örak-Chef.(Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.11.2010)

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