Heeres-Ärzte unter Druck

8. November 2010, 17:28
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Falsche Abrechnungen im Heeresspital - Mediziner wehren sich gegen Vorwürfe gegen Sanität - Führungsstärke gefordert

Wien - Der Name der Van-Swieten-Kaserne sollte für höchste Qualität bürgen: Freiherr Gerard van Swieten (1700-1772) war Leibarzt von Maria Theresia und Begründer der Wiener Medizinischen Schule. Ein Kontrollbericht der Kontrollabteilung B des Verteidigungsministeriums legt allerdings nahe, dass das in der Van-Swieten-Kaserne untergebrachte Heeresspital dem großen Namen zuletzt wenig Ehre gemacht hat.

Es geht um falsche Abrechnungen und ungenügende Dienstaufsicht - Vorgänge, die die Kontrollore (unter der Leitung eines Arztes und Beiziehung eines Universitätsprofessors) für so schwerwiegend erachten, dass die Korruptionsstaatsanwaltschaft eingeschaltet wurde und ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde.

Der verantwortliche Kommandant, Brigadier Michael Aichmair, wurde versetzt und tut seit Montag Dienst im Kommando Einsatzunterstützung. Ihm wird zur Last gelegt, dass zivile Ärzte in dem in Wien-Stammersdorf gelegenen Spital falsche Honorarabrechnungen gelegt hätten. Und dass die Heeresangehörigen unter den Ärzten teilweise keine und teilweise falsch ausgefüllte Arbeitszeitaufzeichnungen geführt haben. So soll auf einer der Zeitkarten, mit denen eine Wochenarbeitszeit von 41 Stunden zu dokumentieren ist, auch das Datum 31. Februar gefunden worden sein.

Führungsstärke gefordert

Solche Unterschleife zu erkennen und abzustellen wäre eigentlich Sache des Kommandanten. Dieser war für den Standard nicht erreichbar - von Militärmedizinern war aber zu erfahren, dass die Heeresärzte die Vorwürfe gegen das Sanitätswesen nicht unwidersprochen lassen würden.

So wurde der Vorwurf erhoben, dass die Ärzte am Heeresspital nebenbei eine Kassenpraxis betreiben - aber genau das war die Voraussetzung, um überhaupt in ein Dienstverhältnis übernommen zu werden. Das Heeresspital hat nämlich die Funktion eines Reservespitals - wenn weder ein Konflikt noch eine zivile Katastrophe eintritt, ist wenig Betrieb.

Um aber für einen Ernstfall in Übung zu sein, müssen die Militärärzte anderswo ihre beruflichen Erfahrungen vertiefen. Die Zeit dafür wird zumindest teilweise über Nachtdienste eingearbeitet - das sichert die Bereitschaft, wenn plötzlich ein Soldat medizinische Hilfe braucht. Die Ärzte verweisen auch darauf, dass der Zeitausgleich geringer bewertet wird als in zivilen Spitälern - und dass eine Zusammenarbeit mit einem zivilen Spital (dem neu zu bauenden Nordspital) von der politischen Führung versäumt wurde. Auf dem dafür vorgesehenen Kasernenareal werden nun Gemeindewohnungen gebaut. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2010)

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    Falsche Abrechnungen im Heeresspital. (im Bild: das Heeresspital Stammersdorf)

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