Ein visionärer Geist stellt sich gegen Peking

7. November 2010, 19:04
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Er sei angewidert, sagte Ai Weiwei. "Alle beschissenen Regisseure der Welt sind beteiligt." Der Superstar der chinesischen Kunst richtete die verbale Spitze im August 2007 gegen seinen einstigen Studienkollegen an der Pekinger Filmakademie, Zhang Yimou, der gemeinsam mit Steven Spielberg die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking 2008 inszenierte.

Ai Weiwei versteht sich als politischer Künstler. Wer keinen moralischen Standpunkt einnehme, missbrauche sein Metier, kritisierte er. Das Regime benutze die Spiele als Propaganda-Veranstaltung, Zhang und Spielberg machten sich mitschuldig.

Sein politisches Engagement bringt den 53-Jährigen immer wieder in Schwierigkeiten. Am Freitag stellten die Behörden Ai in Peking unter Hausarrest. Er sollte so für eine Einladung bestraft werden. Via Twitter hatte er für Sonntag zum Verspeisen von 10.000 Krebsen in sein Atelier in Schanghai geladen, um gegen dessen geplante Demolierung zu protestieren.

Die Zerstörung des Ateliers gilt als Strafe für seine Aktionen, die Kunst und Kritik mischen. So sammelte Ai die Namen tausender Kinder, die beim Erdbeben in Sichuan 2008 getötet wurden, viele davon wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen der Behörden. Bei einem Polizeiverhör wurde Ai daraufhin verprügelt. Er erlitt eine Gehirnblutung und musste operiert werden.

Konflikte mit dem Staat gehören zu Ais Familiengeschichte. Sein Vater Ai Qing, ein berühmter Poet, wurde im Zuge der Kulturrevolution in ein Arbeitslager in Chinas Provinz verschickt, Frau und Sohn mussten mit ihm ins Exil. Später wurde Ai Qing rehabilitiert, sein Sohn durfte an der Filmakademie studieren und ging 1981 für einige Jahre nach New York. Dort kam er mit moderner Kunst in Berührung.

Zu Weltruhm gelangte Ai ausgerechnet durch die von ihm kritisierten Olympischen Spiele. Das als "Vogelnest" bekannte Nationalstadion in Peking geht auf sein Design zurück. In Österreich sorgte er mit seinem Projekt "Hoher Dachstein" für Aufsehen, bei dem er einen vier Tonnen schweren Felsen aus der Erdbebenregion Sichuan per Helikopter auf den Dachstein fliegen ließ, um an die Toten zu erinnern.

Ai Weiweis jüngstes Werk, ein Saal voll mit Keramik-Sonnenblumenkernen, wurde nach drei Tagen von den Londoner Behörden geschlossen. Begründung: Der Keramikstaub sei gefährlich. Über den Künstler denken das manche auch. (Alexander Fanta, STANDARD-Printausgabe, 08.11.2010)

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    "Wer keinen moralischen Standpunkt einnehme, missbraucht sein Metier"

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