Das dahinplätschernde Leben im 1980er-Rhythmus

7. November 2010, 17:55
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Das gehypte Nature Theater of Oklahoma zeigt Episode 2 seines Lebensgeschichte-Musicals "Life and Times" im Kasino des Burgtheaters: Yesss!

Wien - Kristin Worrall ist, wenn man das überhaupt sagen darf, ein Durchschnittsmensch. Und doch hat die 1972 in Rhode Island geborene Frau im letzten Jahr unter Theatergehern eine gewisse Berühmtheit erlangt. Worrall hat in insgesamt sechzehn Stunden lang dauernden Telefongesprächen den beiden Leitern des in New York ansässigen Nature Theater of Oklahoma ihre Lebensgeschichte erzählt und als Material für die zehnteilige Musical-Saga Life and Times zur Verfügung gestellt.

Zugleich aber bleibt Kristin Worrall gänzlich unbekannt. Denn: Bei allem Trend zum "Realen" und "Dokumentarischen" im zeitgenössischen Theater sind es letztlich nicht die echten Menschen, die interessieren, sondern die "echten Menschen" unter Anführungszeichen. Solche, die aus guten Gründen das echte Leben lediglich repräsentieren. Deshalb ist auch der Wahrheitsgehalt dieser Erzählungen von einer Kindheit und alsbald Jugend im Amerika der 1970er- und 1980er-Jahre nachrangig und ungesichert.

Vielmehr geht es in Life and Times um die (sprachlichen) Spuren des Erinnerungsprozesses, um die dabei zutage tretende, ansonsten meist ausgesparte Banalität, ja geradezu Fadesse des dahinplätschernden Lebens. Das Nature Theater behauptet kein großes Drama, sondern hebt den Kleinkram der Existenz ganz groß hervor. Und, wie die Regisseure Pavol Liska und Kelly Copper eingestehen, ist dabei die Form fast wichtiger als der Inhalt. Das ist im Medium Theater immer noch ein Fauxpas. Das scheint sich allmählich zu ändern.

Immerhin wurde das Nature Theater of Oklahoma für Episode 1, die im Vorjahr ebenfalls am Burgtheater produziert wurde, zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Eine kleine Sensation (englischsprachig!) und ein Zeichen dafür, dass ein erweiterter, performativer Theaterbegriff Anerkennung findet.

Zurück zur Uraufführung im Burgtheater-Kasino: Auf einem langen, beinahe die gesamte Breite des Raumes einnehmenden schwarzen Bühnenpodest beginnen sechs Performer in knallfarbigen Adidas-Dressen die telefonisch übermittelten Erzählungen Kristin Worralls zu Achtzigerjahre-Beats zu singen (Musik: Robert M. Johanson und Julie LaMendola, entstanden auf einem Hobbymusiker-Computerprogramm).

Nach den Kindergartenjahren aus Episode 1 folgen jetzt Erinnerungen an die Anfänge des Teenagerdaseins bis zum vierzehnten Lebensjahr: erste Küsse, die man sich aus den Soaps abschaut; erste eigene Markenjeans; eigentümliche Lehrer; die peinliche Musik der Eltern; die Ängste um deren Ehe; später dann The Police vergöttern und noch mehr deren Frontmann Sting usw. Es ist wie Lindenstraße mit anderen Mitteln.

Den Großteil dieser nacherzählten Lebensgeschichte nehmen unbedeutende Füllwörter ein, Ahs und Ums, Hes und Hms. Der Satzbau ist simpel, das Vokabular bescheiden und dessen Einsatz grammatikalisch nicht immer einwandfrei. Slang? Ja.

Immer wieder brechen die Gedanken ab, lässt das Gedächtnis nach, und dann werden - im gesprochenen Wort ja üblich - recht harte sinnstiftende Kurven genommen. Dieses Material hat keine Dekonstruktion mehr nötig; es zeigt in all seiner "Fehlerhaftigkeit" auch seine Gemachtheit in reinster Form. Sie drückt sich besonders durch die unerbittliche Gleichförmigkeit dieser in der Tradition des amerikanischen Highschool-Show-Choir gehaltenen Inszenierung aus: einfache Gruppenchoreografien, chorische Stimmen und bescheidene Soli.

Demokratisches Prinzip

Dieses den Worten und deren Bedeutung gegenüber geltende demokratische Prinzip wiederholt sich im uniformen Outfit der Darsteller (Ausstattung und Licht: Peter Nigrini). An die damit für allgemeingültig erklärte Geschichte kann ein jeder Einzelne mit eigenen Erinnerungen andocken. Und die Erzählung bleibt dabei so individuell, wie auch die Gesichter der Performer sich von den identen Trainingsanzügen abheben. Oder wie sich hier die Tänzerin Fumiyo Ikeda (der Compagnie Rosas) von den Nicht-Tänzerinnen (u. a. Burgschauspielerin Sabine Haupt!) unterscheidet.

Allerdings hat das Nature Theater aus Gründen der Effizienz diesmal auf eine Liveband verzichtet. Das war ein grober Fehler, den das beim Uraufführungstermin am Freitag höchst marode Soundsystem leider nicht ausbessern konnte. Der stimmlich-auditiven Dimension dieses Abends muss man mehr Sorgfalt widmen. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 8. 11. 2010)

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    Eine uniformierte Geschichte - gesungen, getanzt und am Leib getragen: die Performer des Nature Theater of Oklahoma samt Gästen im Kasino des Burgtheaters.

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