Fulminantes Ende einer Wiener Zwangspause

7. November 2010, 17:39
2 Postings

Das Concertgebouw-Orchester mit Mariss Jansons

Wien - Seit Mai war er gezwungen, nur durch krankheitsbedingte Absagen Schlagzeilen zu produzieren: Es begann mit jener Carmen, die er an der Wiener Staatsoper unbedingt dirigieren wollte; und auch die Wiener Philharmoniker musste Mariss Jansons danach von seiner Zwangspause - Konzerte betreffend - in Kenntnis setzen. Betroffen waren schließlich auch noch Auftritte mit seinem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Nachdem der Lette nun allerdings mit seinem zweiten fixen "Partner" , dem Concertgebouw-Or-chester Amsterdam, im Musikverein zugegen war, ist hoffentlich wieder eine Phase der musikalischen Headlines angebrochen. Typisch für Jansons, war bei der Matinee keinerlei Vorsicht zu bemerken - nach dem Motto: Wenn ich musiziere, dann sicher nicht mit angezogener Handbremse.

Stimmige Welten

Das Besondere an seiner Arbeit ist jedoch die Gleichzeitigkeit von Emphase und Kontrolle. Jansons ist ein emotionaler Analytiker, der sich nie zu einer reinen und dann vordergründig wirkenden Gefühlseruption hinreißen lässt. Bei Beethovens eher langsam umgesetzter Leonore-Ouvertüre Nr.3 entsteht denn auch eine in sich ungemein stimmige Welt der starken Kontraste, in der eine Unzahl an Facetten im Dienste einer eleganten und doch intensitätsprallen Dramaturgie steht.

Kaum anders bei Tschaikows-kys 4. Symphonie: Profitiert das Werk von diesem dunklen, profunden Orchesterklang, findet es sich etwa im 3. Satz dann auch wieder mit seiner Pizzicato-Verspieltheit leicht, also beschwingt-virtuos umgesetzt. Diese Qualitäten summieren sich schließlich im Finale zum Porträt eines imaginären Festes, dessen wild-klobige Momente ebenso interpretatorisch Glanz erlangen wie jene zarten. Dass die Blechbläser mitunter überdominant anmuteten, war wohl eine Nebenwirkung der nachvollziehbaren Absicht, Tschaikowskys Ideen nicht auf das Klischee eines streicherlastigen Gefühlsbads zu reduzieren. Und sollte auch ein bisschen dirigentischer Überschwang mit im Spiel gewesen sein, wär's nach der Zwangspause nur verständlich. (Ljubiša Tošić/DER STANDARD, Printausgabe, 8. 11. 2010)


Jansons hört man wieder ab 14. Jänner 2011 mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein.

Share if you care.