Abwägen und aushandeln

5. November 2010, 19:17
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Nobelpreisträger Amartya Sen zieht in seinem neuesten Buch Bilanz über seine Beschäftigung mit der Idee der Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist ein Kernbegriff der politischen Philosophie seit der Antike. Die Wirtschaftswissenschaft hat sich dagegen eher selten mit Gerechtigkeitsfragen beschäftigt, obwohl diese für Adam Smith - den Gründer der modernen politischen Ökonomie - im Zentrum standen. Erst "die etablierten Wirtschaftswissenschaften" der Neoklassik und des Neoliberalismus verengten Smith' Theorien zu einer gängigen Markttheologie, wonach "jeder Akteur nur durch Eigeninteresse angetrieben wird".

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen ist eine Ausnahme unter den Ökonomen, denn er beschäftigte sich in den letzten dreißig Jahren intensiv mit den politischen und ethisch-moralischen Grundlagen des Wirtschaftens und nicht nur mit Marktmechanismen. Sens letztes Buch bildet so etwas wie eine Synthese seiner langjährigen Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit und dem Gerechtigkeitssinn. In diesem sieht er den Motor für die Überwindung von Ungerechtigkeit und fordert auf "zu studieren, was wir fühlen", denn offenbar war der Gerechtigkeitssinn zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften verbreitet.

Sens Buch ist zuerst und vor allem eine Auseinandersetzung mit der weltweit einflussreichsten "Theorie der Gerechtigkeit" (1971) von John Rawls (1921-2002) und deren Weiterentwicklung in "Gerechtigkeit als Fairness" (2001). Rawls' bediente sich in seiner Theorie einer ingeniösen Hypothese, indem er fragte: Welche Gerechtigkeitsprinzipien würden die Mitglieder einer Gesellschaft aufstellen, wenn sie nicht wüssten, welche Position sie dereinst in der von ihnen selbst begründeten und normierten Gesellschaft einnehmen würden. "Unter dem Schleier des Nichtwissens" (Rawls) würden Menschen sich auf drei Gerechtigkeitsprinzipien einigen, die zukünftig für alle gelten sollten: 1. gleiche Grundfreiheiten für alle; 2. Chancengleichheit für alle beim Zugang zu Ämtern und Positionen; 3. Verteilungsfragen müssen so gelöst werden, dass die am wenigsten begünstigten Mitglieder der Gesellschaft den größten Vorteil davon haben.

Sen anerkennt durchaus die Gerechtigkeitstheorie von Rawls, aber er hält sie in ihrem theoretischen Rigorismus für zu anspruchsvoll und zu lebensfremd. Rawls hebt ab auf das Handeln von gerechten Institutionen bei der Verteilung von Chancen und materiellen Gütern und auf Prinzipien, die geeignet sind, eine vollkommen gerechte Gesellschaft zu errichten. Sen dagegen geht pragmatischer vor. Er zielt nicht auf vollkommen gerechte Gesellschaften, sondern auf weniger Ungerechtigkeit ab. Er geht nicht von wenigen Grundsätzen aus, sondern betrachtet das tatsächliche Verhalten von Individuen und räumt ein, dass es keine "vollkommen gerechte Regelung" gibt, sondern immer nur Annäherungen bzw. partielle Beseitigung von Ungerechtigkeiten.

Die Idee vollkommener Gerechtigkeit hält Sen für theoretisch und politisch problematisch und beruft sich dabei auf zwei Modelle von Gerechtigkeit in der alten indischen Jurisprudenz. Dort meinte "niti" gerechtes Handeln nach festgeschriebenen Regeln. Unter "nyaya" dagegen verstand man ein gerechtes Handeln nicht auf der Basis von Regeln, sondern durch vernünftiges Abwägen von Gründen, durch Aushandeln von Kompromissen und die Suche nach Alternativen.

Diese pragmatische Vorstellung von Gerechtigkeit illustriert Sen an einem Beispiel. Für drei Kinder (A, B, C) steht nur eine Flöte zur Verfügung. Alle haben Anspruch auf die Flöte, denn: A kann Flöte spielen (Fähigkeit), B hat gar nichts zum Spielen (Notlage), und C hat die Flöte geschnitzt (Eigentum). Mit der umfassenden Gerechtigkeitstheorie von Rawls ist der Fall nicht zu lösen, denn die sich ausschließenden Gründe - Fähigkeit, Notlage, Eigentum - sind gleich unparteiisch und gleich gerecht.

Für Sen gibt es nur eine "Pluralität der Gründe für Gerechtigkeit", die vernünftig und kontextbezogen debattiert werden müssen. Um zu einer Entscheidung zu kommen, braucht man "viel mehr Informationen" sowie eine auf "öffentlichem Vernunftgebrauch beruhende Einigung über die Rangfolge der Alternativen, die verwirklicht werden können", um partielle Gerechtigkeit durchzusetzen. Solch eine Beschränkung hat für Sen "nichts Defaitistisches".

Sen interessiert sich nicht für die Utopie der gerechtesten aller Welten, sondern für die reale Beseitigung von Ungerechtigkeit und die Verbesserung der Welt. Der Forderung nach einem weltweit egalitären Zugang zu allen Medikamenten, wie Rawls ihn vertreten müsste, zieht Sen die Forderung nach einem egalitären Zugang zu Medikamenten gegen massenhafte Krankheiten (Aids, Malaria) vor. Dasselbe gilt für den Kampf gegen Hunger, Armut sowie verschiedene Formen der Diskriminierung. Sens lapidare Antwort auf Rawls' Perfektionismus: "Ansprüche zu stellen, von denen man nicht erwarten kann, dass sie erfüllt werden, hilft der Sache der Gerechtigkeit nicht weiter."

Die globale Perspektive, die Sen ins Auge fasst, beruht auf einem Kosmopolitismus, der angesichts der Rückbesinnung vieler Autoren auf Nationales unzeitgemäß erscheint, ist jedoch alles andere als politisch naiv. Sen besteht auf dem Primat individueller Freiheitsrechte, kritisiert jedoch überhebliche "Kategorisierer", die "individuelle Freiheiten als ein signifikantes Unterscheidungsmerkmal zwischen dem ,Westen' und dem ,Osten' ansehen". Gegen westliche Überlegenheit spricht: Als man Giordano Bruno im Jahr 1600 in Rom als Ketzer verbrannte, lehrte Akbar, der Großmogul, in Indien religiöse Toleranz.

Sen leitet auch nicht der Hauch von Theoriefeindlichkeit - im Gegenteil: Er bedient sich geradezu virtuos bei anderen Gerechtigkeitstheoretikern. Ihn treibt die Dringlichkeit der ethisch-moralischen und politischen Probleme um. Ein im besten Sinne eingreifendes Buch. (Rudolf Walther / DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.11.2010)

 

Amartya Sen, "Die Idee der Gerechtigkeit". Aus dem Englischen von Christa Krüger. € 29.95 / 493 Seiten. C. H. Beck Verlag , München 2010

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