Viel Schmäh am Würstelstand

5. November 2010, 17:20
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Großer Spaß in der Josefstadt: Franz Wittenbrinks "Eh wurscht"

Wien - Kunstvoll entfaltet sich eine in den Österreich-Farben lackierte Metallschachtel auf der Bühne Thomas Oláhs im Theater in der Josefstadt: Auf dem Dach dieses gut eingerichteten Wiener Würstelstands hat sich die Band für ihr zweistündiges Programm eingerichtet. Der deutsche Komponist und Regisseur Franz Wittenbrink, der mit seinen einzigartigen szenischen Liederabenden (bisher u. a. im Burgtheater zu sehen) eine Art neues Theatergenre geschaffen hat, beschenkt nun auch die Josefstadt mit einem temporeichen, mitunter zum Brüllen komischen musikalischen Arrangement: In "Eh wurscht", einem ironischen Streifzug durch ein paar Jahrhunderte Musikgeschichte (ganz salopp kommt man von Mozart zu den Berliner Youtube-Rappern Icke und Er) regiert der Wiener Schmäh.

Leichtfüßig

Schon in der flüchtig gesponnenen Rahmenhandlung, die die Nummern der 13 Josefstadt-Solisten verbindet, zeigt Wittenbrink bravourös vor, wie man leichtfüßig mit Klischees spielt, ohne ihnen zum Opfer zu fallen. Ein gealterter Würstelstandbetreiber (Kurt Sobotka) steht unter der Fuchtel seiner hundenärrischen Frau (Elfriede Ott). Bei ihm am Stand treffen sich Schwerstalkoholiker (Toni Slama singt: "I sauf - und zwar mit System!"), russische Migranten (Michael Dangl trifft mit seinen Balalaikatönen auf eine ungnädige Zuhörerschaft) und andere verlorene Wiener Seelen.

In den zum Großteil und mit viel Wortwitz umgedichteten Hits aus Jazz, Musical, Oper und Pop gibt jedes Ensemblemitglied sein Bestes: Oliver Huether stellt als Saubermann der MA 48 (der "schönste Feger von Wien"!) umfassende Kenntnisse italienischer Opern unter Beweis; Sona McDonald brilliert mit kraftvollem Timbre als Jazz-Diva in der Rolle einer amerikanischen Millionärsgattin; Martin Hemmer gelingt als obdachlosem Student mit "Richtig geil" einer der besten Auftritte des Abends. Schräge Komödie spielen Ruth Brauer-Kvam mit einer fantastisch-irrwitzigen Märchenstunde und Siegfried Walther, der als Gemüsehobelvertreter aus "Lollipop" schlicht "Gurke ab, Gurke weg" macht.

Am Ende tritt noch Josefstadt-Intendant Herbert Föttinger (als schnauzbärtiger Rosenverkäufer mit DJ-Ötzi-Kapperl) auf. Quer durchs Programm sind die Soli authentisch, originell und komisch zugleich: Sie erzählen in gelassenem Ton ("Eh wurscht!") von tapfer gescheiterten Existenzen, über große und kleine Dramen, über Liebe und Einsamkeit. Die Band - am Premierenabend am Donnerstag saß Wittenbrink selbst am Klavier - hält über zwei Stunden ein hohes Tempo durch. Ein voller Erfolg. Mit tosendem Applaus eroberte sich das begeisterte Premierenpublikum drei Zugaben! (Isabella Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.11.2010)

 

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