Gewappnet gegen Meningokokken auf Pilgerfahrt

7. November 2010, 17:36
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Meningokokken sind Keime, die viele in sich tragen - Für wenige werden sie lebensgefährlich - Ärzte raten zur Impfung, für Mekka-Reisende ist die Impfung Pflicht

Bald ist es wieder so weit. Etwa zwei Millionen gläubige Muslime werden zu ihrer wichtigsten Reisen aufbrechen, der Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka. Im Herzen Saudi-Arabiens liegt die Heilige Stätte und damit am Rand eines Krankheitsgebietes, das sich Meningitis-Gürtel nennt. Dort auf einem Streifen nördlich des Äquators zwischen Guinea bis Äthiopien und weiter in den Mittleren Osten nach Saudi-Arabien hat sich ein Keim breitgemacht, den auch Ärzte hierzulande fürchten gelernt haben: Die Meningokokken sitzen auch bei etwa 15 Prozent der Österreicher direkt hinter den Mandeln. 15 Prozent: Das sind 1,2 Millionen Menschen.

Die meisten merken nichts von der Anwesenheit dieses Keims, nur eine kleine Gruppe von 80 bis 100 Menschen im Jahr erkrankt derart schwer, dass etwa zehn Prozent innerhalb von zwei Tagen sterben. Damit gehören Meningokokken zu den gefährlichsten bakteriellen Krankheitserregern, warnt die österreichische Gesundheitsagentur Ages. "Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Kind, das innerhalb von drei Stunden todkrank ist oder stirbt", bringt es Sigrid Heuberger auf den Punkt. Sie ist Leiterin der Nationalen Referenzzentrale für Meningokokken. Mehr als die Hälfte der Patienten sind jünger als fünf Jahre, insgesamt zwei Drittel haben das 19. Lebensjahr noch nicht erreicht. Der derart schwere Verlauf, gepaart mit häufigem Auftreten in der Region, hat die Regierung Saudi-Arabiens zu drastischeren Gesundheitsmaßnahmen veranlasst: Nur Menschen, die gegen Meningokokken geimpft sind, dürfen das Königreich bereisen. Wer nach Mekka will, muss geimpft sein.

Aus gutem Grund: Die Infektion der Keime gleicht einer Invasion. Wie sie in den Blutkreislauf gelangen, ist nicht ganz klar. Doch einmal dort angelangt, greifen sie ihr Opfer auf genau zwei Wegen an: Entweder sie durchbrechen die Blut-Hirn-Schranke und entfachen dort eine Hirnhautentzündung. "Das ist zwar alles andere als ungefährlich", sagt Werner Zenz, Meningokokken-Experte der Kinderklinik an der Med-Uni Graz, doch sie ist immer noch besser als die andere Variante: eine Sepsis. Sie wird häufig als Blutvergiftung übersetzt. Doch mit dem rötlichen Streifen entlang der Gefäße zum Herz hat das denkbar wenig zu tun. Vielmehr überschwemmen Bakterien den Körper, setzen ihre Gifte frei und lösen innerhalb von Stunden Entzündungen in allen Organen aus. Eine überschießende Immunantwort des Körpers führt rasch zum Organversagen. Nahezu alle Todesfälle bei einer Meningokokken-Infektion gehen auf eine Sepsis zurück. "Eine Menigokokken-Infektion ist der einzige Moment, bei dem man sich für ein Kind eine Hirnhautentzündung wünscht", so die ungewöhnliche Aussage des Kinderarztes.

Doch warum trifft es nur so wenige und warum gerade sie? Jahrzehntelang gingen Mediziner und Forscher dieser Frage nach. "Wir hatten durch Familienuntersuchungen eine Ahnung, dass eine genetische Veranlagung eine Rolle spielen muss", sagt Werner Zenz. Heute hat er Gewissheit.

Genetische Prädisposition

Im August veröffentlichte eine internationale Forschergruppe, zu der auch Zenz gehörte, die Ergebnisse einer internationalen Studie in Nature Genetics. Unter der Leitung von Michael Levin vom St. Mary Institute in London untersuchten die Wissenschafter die bislang größte Anzahl an Patienten mit Meningokokken-Infektionen und verglichen deren Erbgut mit dem von Menschen, die nicht an den Mikroben erkrankten. Das Resultat: Menschen, die an Meningokokken erkranken, weisen Gene auf, die die Körperabwehr gegen Bakterien stärker bremsen als bei Menschen, die gegen die Keime immun sind. Sie produzieren mehr vom sogenannten Regulierungsfaktor H, der einen Angriff des Körpers wieder herunterfährt. "Das ist ein hochkomplexes System, das schon durch geringe Abweichungen gestört wird. Zu wenig Faktor H etwa führt zu Nierenversagen", erklärt Zenz. Doch das ist nicht alles: Genau diesen Faktor H machen sie die Meningokokken tückisch zunutze: Sie fangen ihn im Blut ab, maskieren sich mit ihm, um als Trojanische Pferde ihren Angriff weiterzuführen. Gleichzeitig geben sie das Signal, den Kampf einzustellen.

Inzwischen hat auch die Pharmaindustrie die Bedeutung von Faktor H erkannt. Denn obwohl es Impfstoffe gibt, wirken diese nur gegen vier von fünf krankmachenden Stämme der Meningokokken. Der in Europa verbreitete Typ B etwa ist nicht erfasst. "Da Faktor H eine so wichtige Rolle bei der Abwehr der Meningokokken spielt, könnte er den ersten Schritt zu einem universellen Impfstoff spielen", so Zenz.

Während Pilgerreisenden die Entscheidung über eine Impfung abgenommen wird, müssen Eltern selbst die Initiative in die Hand nehmen. Denn in Österreich wird die Impfung, anders als in anderen europäischen Ländern, nicht von der öffentlichen Hand übernommen. Ein Zustand, über den sich Zenz "angesichts der Krankheitsverläufe" ärgert.

Ganz einig sind sich die Ärzte über die Impfung allerdings nicht. Während sich Kinderärzte dafür aussprechen, bescheinigten die deutschen Allgemeinärzte in einer offenen Stellungnahme zur Meningokokken-Impfung einen "sehr geringen individualmedizinischen und epidemiologischen Nutzen", weil erstens nur so wenige Menschen erkranken, dafür aber wenigstens 80 Prozent geimpft werden müssten. Zudem zeigen Studien, dass sich die Antikörperspiegel bereits ein Jahr nach der Impfung verringern.

"Das Beispiel Großbritannien belegt das Gegenteil: Meningokokken lassen sich durch eine Impfung sehr gut verdrängen", sind sich Sigrid Heuberger und der Infektiologe Zenz einig. Bis Mitte der 80er-Jahre galt Großbritannien als Brut für Meningokokken mit dreimal mehr Infektionen als auf dem Kontinent. In den folgenden Jahrzehnten begann man dort konsequent alle Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr gegen den gefährlichsten der Meningokokken-Stämme, Serotyp C, zu impfen. "Mit dem Erfolg, dass heute weniger Menschen an Meningokokken-C erkranken als im kleinen Österreich", so Zenz. (Edda Grabar, DER STANDARD Printausgabe, 08.11.2010)

Wissen

Ansteckung und Symptome

Neisseria meningitidis heißt der Keim, der auch als Meningokokken bekannt ist. 13 verschiedene Serotypen sind insgesamt bekannt, nur fünf davon sind lebensgefährlich. Während in Europa die Typen B und C vorherrschen, sind es in Afrika eher A und W. Nordamerika wird von Y heimgesucht.

Entgegen anderslautenden Berichten sind Meningokokken nicht hochansteckend. "Die Bakterien sind äußerst empfindlich und sterben auf Hand- oder Oberflächen innerhalb weniger Augenblicke ab", sagt Sigrid Heuberger von der Nationalen Referenzzentrale für Meningokokken. Gefährlich werden nur sehr enge Kontakte.

Symptome: Je früher eine Meningokokken-Infektion erkannt wird, umso weniger Schaden können die Erreger anrichten. Obwohl die Anzeichen nicht immer eindeutig sind, gibt es Hinweise auf eine Meningokokken-Erkrankung. Lösen sie eine Sepsis aus, zeigt sich das an Hautblutungen, die sich nicht wegdrücken lassen bzw. bei Druck weiß verfärben. Dazu kommen typische Merkmale eines Kreislaufversagens auf: kalte Gliedmaßen, Gelenk-, Muskel- und Bauchschmerzen, schneller Atem.

Wenn Meningokokken eine Hirnhautentzündung auslösen, können ebenfalls Hautblutungen entstehen, doch das ist nicht immer Fall. Zu den deutlicheren Merkmalen gehören Nackensteifheit, Fieber und Erbrechen, starke Kopfschmerzen und Lichtempfindlichkeit.

Impfung: momentan nur gegen die Serogruppen A und C (bzw. A,C,Y,W) möglich. Österreich gehöt allerdings zu jenen Ländern, wo die Serogruppe B am häufigsten ist. (eg)

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    Auf Pilgerfahrt nach Mekka. Weil die heiligste Stätte des Islam im sogenannten Meningitis-Gürtel liegt und viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, ist die Impfung Pflicht.

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