"Sind nicht das Sammelbecken der sozial Schwächsten"

4. November 2010, 19:08
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Familie mit autistischem 16-Jährigen aus Gemeindebau delogiert, Stadt will bei Quartiersuche helfen

Wien - Die Wiener Grünen prangerten im Wahlkampf mehrfach Delogierungen von Familien aus Gemeindebauten an. Diese wären verhinderbar, wenn sich die rote Stadtregierung mehr um Präventionsarbeit kümmern würde, meinte etwa der grüne nicht amtsführende Stadtrat David Ellensohn.

Nun, kurz vor Abschluss der rot-grünen Koalitionsverhandlungen, ist ein neuer Fall bekannt geworden: Wie das Ö1-Morgenjournal berichtete, verliert eine sechsköpfige Familie mit Migrationshintergrund ihre Gemeindewohnung in einer Reihenhaussiedlung im 22. Bezirk. Zwei Nachbarinnen fühlten sich vom autistischen Sohn gestört. Die städtische Hausverwaltung Wiener Wohnen klagte, das Urteil wurde nun nach mehrjährigem Verfahren auch vom Obersten Gericht bestätigt. Inzwischen liegt ein Räumungsbeschluss vor, die Frist läuft in zwei Wochen ab.

Der Teenager, der untertags eine Lehrwerkstätte besucht, soll gegen Wände gehämmert und laut geschrien haben. Außerdem soll es zu tätlichen Angriffen gekommen sein. Die aus der Türkei stammenden Eltern - der Vater arbeitet am Bau - weigerten sich, den angebotenen Heimplatz in Oberösterreich anzunehmen. "Es gibt keinen Grund, den Buben in ein Heim zu geben", sagt Jugendamt-Sprecherin Herta Staffa zum Standard. "Denn er stellt weder für sich selbst noch für andere eine Gefahr dar. Er braucht nur eine Umgebung, die ihn aushält."

Diese ist laut Büro des Wohnbaustadtrats allerdings nicht leicht zu finden. Die Suche nach einem Ausweichquartier sei bisher ergebnislos verlaufen. "Wir werden unterstützen und helfen, wo es geht, die Hilfe muss aber auch angenommen werden", sagt Hanno Csisinko, Sprecher von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SP). Vonseiten der Familie habe es bisher kaum Gesprächsbereitschaft gegeben. Eine andere Gemeindebauwohnung werde es für sie nicht geben. "Es gibt ja noch andere Möglichkeiten als den Gemeindebau - wir sind nicht das Sammelbecken der sozial Schwächsten." Denkbar sei etwa eine betreute Wohngemeinschaft oder eine Wohnung in einem Privathaus, für die die Familie Mietbeihilfe beantragen könne.

Der Fonds soziales Wien betreut derzeit 600 wohnungslose Familien, davon hat rund die Hälfte eine Delogierung hinter sich. Grün-Verhandler David Ellensohn war wegen der Koalitionsvorbereitungen am Donnerstag nicht zu sprechen, Parteikollegin Claudia Smolik - die nicht mehr im Gemeinderat sitzen wird - kritisierte das Vorgehen der SP via Aussendung: "Warum die Stadt bis heute keine tragbare Lösung gefunden hat, ist mir schleierhaft." (stem/DER STANDARD, Printausgabe, 5. November 2010)

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