Weiß-blaue Wunder

3. November 2010, 16:15
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Ein BMW, der selbst auf den Pannenstreifen fährt, wenn der Fahrer einen Herzinfarkt hat: Diese Technik steht bereits knapp vor der Serienreife

Auf dem Weg nach Hause passiert das weiß-blaue Wunder. Nach zehn Stunden Büro, einem Anpfiff vom Chef und einer echt miesen Bilanz geht es nach Hause. Die Autobahn ist heute wieder gut besucht – und die anderen fahren wie Idioten. Plötzlich wird der Stress zu viel. Herzinfarkt. Auf der Autobahn. Linke Spur, gute 130 km/h. Minuten später ist die Rettung vor Ort und versorgt den erkrankten Mann. Es gibt keine weiteren Verletzten, und die anderen Fahrer haben nicht einmal richtig mitbekommen, was da gerade passiert ist.

Als der BMW den Herzinfarkt erkannt hatte, war er selbstständig von der linken Spur auf den Pannenstreifen gefahren und hatte dort die Rettung verständigt.

Was nach wilder Zukunftsflunkerei klingt, gibt es schon – zumindest im Versuchsstadium. BMW hat den Nothalteassistenten bereits so weit entwickelt, dass er auf der eigenen Versuchsstrecke getestet werden kann.

Andere Autos und die einzelnen Fahrspuren erkennt das Auto über die Kamera, Radar und Lidar, eine radarähnliche Methode zur Abstands- und Geschwindigkeitsmessung, die auf einem Laser basiert. Um Kollisionen mit dem vorausfahrenden Auto oder mit Fahrzeugen auf den rechten Fahrstreifen ausschließen zu können, verwendet der BMW zur Situationserfassung in jede Richtung mindestens zwei Messmethoden.

foto: werk
So lässig hat zuvor noch niemand eingeparkt. In ein paar Jahren schicken wir unseren BMW, fernbedient via Schlüssel, in die Garage – deren Abmessungen wachsen schließlich nicht mit denen der Autos mit, es wird eng. Und keine Sorge: Anfahren kann das Auto wegen der Sensoren nicht.

Braucht man bei BMW nun gar keinen Fahrer mehr? Können diese Autos autonom von A nach B fahren? Nun, so weit sind wir noch nicht. Mit dem richtigen Kartenmaterial, das es dem Fahrzeug möglich macht, genau zu wissen, wo es ist, wäre das aber schon möglich. Nur rechtliche Hürden sind noch zu nehmen.

Anderes Thema: Stau- und Kolonnenassistent. Damit zeigt BMW, wohin die Reise geht. Das Auto fährt selbstständig im Stop-&-Go-Verkehr bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h. Das Fahrzeug fährt alleine an, wenn das vordere Auto losfährt, hält die Spur und den Abstand zum Vordermann. Nur eine Hand sollte man am Lenkrad haben. Sonst schreit der BMW. Eben weil es rechtlich keine g'mahte Wiesen ist. Denn sollte es doch einmal zum Crash kommen – und sei es vollkommen unverschuldet -, bleibt die Frage, wer denn nun gefahren ist.

Bei all diesen Themen, die BMW dieser Tage an einem Technologietag vorstellte, geht es darum, dem Piloten dort das Fahren abzunehmen, wo es keinen Spaß macht. Ebenfalls in die Richtung zielen die Mikropausen-Apps, an denen man gerade arbeitet: "Damit wollen wir dem Fahrer in Standzeiten, in denen er weniger Freude am Fahren hat, Freude über andere Kanäle ermöglichen" , sagt Marc Bechler, Mikropausen-Projektleiter bei BMW.

foto: werk
Mikropausen-Apps wie hier das Spiel Pacman sollen dem Fahrer das leidige Warten verkürzen, bei der roten Welle an der Ampel zum Beispiel. Die Ideen für die Apps reichen bis hin zum Social-Network-Tool, das einen mit anderen Armaturenbrettern verbindet. Wer's mag...

Mikropausen-Apps starten automatisch im Display hinter dem Lenkrad, wenn man an einer roten Ampel steht. Neben der App – etwa ein Spiel, Nachrichten, Bilder – zeigt ein Timer an, wann es wieder grün wird. Noch gibt es aber keine Daten, die Ampeln über ihre Schaltzeiten aussenden. Ähnliche Probleme ergeben sich an Bahnübergängen. Doch Prototypen solcher Ampeln gibt es bei BMW bereits.

Wirklich sexy wird die automobile Zukunft aber, wenn BMW sein Remote Controlled Parking in Serie bringt: Ferngesteuertes Einparken. "Die Garagen werden immer kleiner" , erklärt Patrick Matters, Projektleiter des Remote Controlled Parking den Umstand, dass die Autos immer größer werden. In engen Garagen kommt man nicht mehr aus dem Fahrzeug, ohne dass man mit der Tür gegen die Wand knallt. In Zukunft steigt man vor der Garage aus dem Auto und dirigiert es mit der Fernbedienung in den Stellplatz. Raus fährt der Wagen natürlich auch wieder so. Und weil es rechtlich wieder sehr heikel ist, wenn keiner im Auto sitzt und das allein vor sich hinfährt, kommt der BMW 5er-Prototyp ferngesteuert auch nur sieben Meter weit.

Wann die weiß-blauen Wunder in Serie gehen werden, steht noch nicht fest. Manche Projekte sind schon recht weit, andere scheitern derzeit noch an rechtlichen Fragen. Oder an fehlendem Datenmaterial. Aber so viel steht fest: Die Zukunft wird spannend. (Guido Gluschitsch/DER STANDARD/rondoMOBIL/Oktober 2010)

  • Notfall Herzinfarkt. Auf der Autobahn findet der BMW, ohne den übrigen 
Verkehr zu gefährden, vollkommen allein den Weg auf den Pannenstreifen 
und verständigt von dort aus die Rettung.
    foto: werk

    Notfall Herzinfarkt. Auf der Autobahn findet der BMW, ohne den übrigen Verkehr zu gefährden, vollkommen allein den Weg auf den Pannenstreifen und verständigt von dort aus die Rettung.

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