Operieren im Spital, schlafen im Hotel

2. November 2010, 17:30
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Studie: Österreich nützt Chancen im Gesundheitstourismus nicht optimal

Wien - Die Alterung der Gesellschaft bringt es mit sich, dass Bereiche wie Gesundheitsökonomie und Tourismus näher zusammenrücken. Während Geschäftsmodelle, die beide Felder miteinander zu verbinden suchen, in Skandinavien und Deutschland bereits ein Renner sind, wird in Österreich mit solchen Projekten noch zugewartet.

"Bei uns hat man die Chancen und noch nicht erkannt, die in dieser Nische stecken", sagte Martin Schaffer, Geschäftsführer des Wien-Büros der international tätigen Tourismusberatung Kohl & Partner, dem Standard. Österreich habe gute Spitäler, ein gutes Image und liege auch geografisch gut. Bei der sich abzeichnenden Mobilität der Patienten seien das "Trümpfe, um die uns andere beneiden".

Schaffer verwies auf medizinisch unterversorgte Staaten wie Russland, Ungarn, Slowenien oder die Slowakei, wo gewisse Fachrichtungen schlecht ausgebaut sind. Aber auch in Ländern wie Großbritannien gebe es bei bestimmten Operationen lange Wartezeiten. Der Gesundheitstourismus stehe vor einem Boom. Wer über die entsprechenden Einrichtungen verfügt, wird das Geschäft machen, heißt es sinngemäß in einer Studie von Kohl & Partner.

"Bei uns könnte man sich überlegen, ein Hotel zu einem Spital zu stellen und so dem Ganzen einen gesundheitstouristischen Einschlag verpassen", sagte Schaffer. Das sei naheliegend, zumal der Kostendruck im Gesundheitsbereich steige und die Diskussion über eine Neuordnung der Spitalslandschaft in Österreich sicher noch nicht zu Ende sei.

Standort Flughafen

Als Standorte eines Spitals mit angeschlossenem Hotel würden sich Ballungszentren mit einem nahen Flughafen anbieten - in Ostösterreich etwa Wien, im Westen das Grenzgebiet zu Deutschland. Die Unterkunft im Hotel ist in der Regel billiger als im Spital, der Wohlfühlfaktor größer.

Hauptproblem in Österreich seien die harschen sanitätsrechtlichen Auflagen, wobei die geforderte Raumhöhe das geringste der Probleme sei. "Alles zusammen treibt die Kosten", sagte Schaffer.

In Österreich seien bis zu sechs Gesundheitskliniken mit jeweils rund 80 Zimmern in angeschlossenen Hotels denkbar. Zusätzlich gebe es Platz für bis zu zehn Pflegehotels. "Angehörige, die einen Patienten zu Hause pflegen, könnten dann ruhigen Gewissens auf Urlaub fahren - wissend, dass der Patient in guter Hand ist", sagte Schaffer. Das Pflegehotel dürfe freilich nicht nach Krankenhaus riechen und auch nicht so aussehen, und die Mitarbeiter müssten entsprechend geschult sein.

Schneller müsse es mit der Abrechnung der ärztlichen Leistung gehen. Schaffer: "Der Gast will beim Auschecken alles auf einer Rechnung, insbesondere wenn er aus dem Ausland kommt." (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2010)

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