Gestohlene Jugend

2. November 2010, 17:21
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Vermeintlich heroische Identitäten: "Schmiere stehen" im Linzer u/hof nimmt das wichtige Thema Jugendkriminalität auf, scheitert aber an der holzschnittartigen Vorlage

Linz - Der Begriff "Schmiere stehen" komme aus dem Hebräischen, meint Nina (Katharina Wawrik), nämlich von "shmíra", das "Wache" bedeutet. Auch musikalisch ist die Elfjährige gebildet, kann die Lyrics von Sympathy for the Devil hersagen. Gute Voraussetzungen, um bei Tom (Ralf Wegner) dem Chef der Hell's Kids, Interesse zu wecken. Gegen den Willen der älteren Schwester Jessica (Katharina Halus) wird sie in das Geschäft eingeweiht: organisiertes Stehlen.

Auf der Folie einer realen Bande, die in Linz für mehrere hundert Diebstähle verantwortlich gemacht wurde, entwickelt Jörg Menke-Peitzmeyer sein Stück über Jugendkriminalität. Ein allzu elaboriertes, denn hier ist vieles an Klischees unterwegs: Der Bandenchef Tom markiert den wilden Hund, Nina gibt das Weibchen, das ihm gefallen will, und Jessica darf zwischen Eifersucht und Muttergefühlen gegenüber ihrer Schwester oszillieren. Der Außenseiter unter den Outlaws ist schließlich Goran (Bastian Dulisch), mit Migrationshintergrund und einem Restkeim an Gewissen.

Das Stück zeigt die Kids als stehlende Bestohlene, die sich mangels sozialer Anerkennung und familiären Rückhalts an ihre heroischen Identitäten klammern. Doch die Bruchlinien, die Regisseurin Ulrike Stöck sensibel anklingen lässt, sie haben gegen die holzschnittartige Vorlage wenig Chance. Neben Katharina Wawrik überzeugt hier leider nur das Bühnenbild (Birgit Kofmel). Der Nihilismus der Bande findet sich auf einer leergefegten Bühne wieder. Der im Stückverlauf immer weiter geöffnete Boden legt Sehnsüchte und Träume frei, die jedoch nicht ausreichend Raum greifen dürfen. (Wolfgang Schmutz, DER STANDARD - Printausgabe, 3. November 2010)

  • Linz, u/hof, 0800/21 80 00, 3. und 4. 11. 19.30
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