WikiLeaks nimmt Russland ins Visier

2. November 2010, 14:13
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WikiLeaks will sich in Zukunft stärker auf "Russland, China und zentraleurasische Staaten" konzentrieren

Für die letzten Enthüllungen der US-Streitkräfte im Irak wurde Julian Assange von offiziellen amerikanischen Stellen gescholten. "WikiLeaks könnte bereits Blut an den Händen haben", hieß es aus dem Pentagon. Auch Außenministerin Hillary Clinton kritisierte die Veröffentlichungen.

Die Plattform will aber einen Schritt weitergehen, einen Schritt in Richtung Russland. "Russen werden viele interessante Fakten über ihr Land erfahren. Wir wollen den Leuten die Wahrheit über ihre Regierung sagen", kündigte WikiLeaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson im Interview mit der russischen Tageszeitung "Kommersant" Veröffentlichungen an. "Wir haben kompromittierendes Material über Russland, über die Regierung und über Geschäftsmänner", sagte Assange der regierungsfreundlichen Tageszeitung Izvestia. "Aber nicht so viel wie wir gerne hätten. Wir werden das Material bald veröffentlichen."

Eine große Durchschlagskraft hätten allem Anschein nach Details über geheime Bankdaten und ausländischen Konten der russischen Oligarchen. "Das wäre schockierend", sagte Stanislav Belkovsky, der Präsident des Kreml-nahen Institute of National Strategy. "Die meisten Russen glauben zwar, dass die politischen Führer und Oligarchen Milliarden Dollar auf ausländische Konten geschafft haben, ein Beweis dafür wäre aber wie Dynamit."

Russland, oder: Back to the roots

Ein Fokus auf Russland wäre ein Schritt zurück zu den Wurzeln von WikiLeaks. In einem Brief an potentielle Investoren vor der WikiLeaks-Gründung 2006 bezeichnete Assange "despotische Regime in China, Russland und Zentral-Eurasien" als Hauptziele. Von der russischen Regierung gab es bis dato keine offizielle Stellungnahme. Ein Sprecher des Geheimdienstes FSB, der Nachfolgeorganisation des gefürchteten KGB, warnte jedoch WikiLeaks über die unabhängige russische Nachrichtenseite LifeNews: "Man sollte nicht vergessen, dass wenn der Wille und die richtigen Befehle erfolgen, WikiLeaks für immer gesperrt werden kann." Als das amerikanische Time-Magazine den FSB mit diesen Aussagen konfrontierte, lehnte der Geheimdienst sowohl eine Stellungnahme als auch eine Bestätigung der Aussagen ihres Sprechers ab.

In Erinnerung ist einigen Russen noch das russische Portal "Lubyanskaya Pravda". Die Webseite tat es WikiLeaks gleich und veröffentlichte im Juni eine Reihe von angeblichen Top-Secret-Dokumenten über Operationen in der damaligen Sowjetunion.  Die Seite war weniger als drei Wochen online, und selbst in dieser Zeit wurde sie von keiner einzigen russischen Zeitung zitiert. Andrei Soldatov, der sich unter anderem für "Foreign Policy" viel mit dem russischen Geheimdienst beschäftigt hat, meint auf "Agentura - the secret service watchblog": "Das FSB konnte die Hintermänner dieser Webseite ganz leicht ausfindig machen und sie überzeugen, dass es keine gute Idee war." Es wäre für den FSB auch möglich, eine Seite wie WikiLeaks vom Netz zu nehmen. "Sie haben die Macht dazu."

Russland würde Authentizität der Daten bestreiten

Eine andere Reaktion der russischen Regierung wäre aber wahrscheinlicher, heißt es. Sie könnte die Authentizität der Geheimdokumente bestreiten. "Das ist ihr Hauptwerkzeug. Die staatlich kontrollierten Massenmedien würden es filtern und WikiLeaks diskreditieren", sagte Nikolai Zlobin vom "Russia and Eurasia Project" am Washingtoner World Security Institute. Eine öffentliche Debatte würde so ins Internet auf Nachrichtenseiten und Foren beschränkt, was nur eine geringe Öffentlichkeit tangieren würde. (flog, derStandard.at, 02.11.2010)

 

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    Wo viel Licht, dort viel Schatten: Julian Assange wird der Vergewaltigung bezichtigt

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    Ob die beiden vor WikiLeaks zittern, darf bezweifelt werden

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