Heimische Programmkinos "im Kern gesund, aber fragil"

2. November 2010, 11:13
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Programmkino-Betreiber aus ganz Österreich stellten Forderungskatalog vor - "Mittelfristig überleben Kinos ohne Digitalisierung nicht"

Wien - "Schluss mit halblustig" war das Motto gestern, Montag, Abend bei der Diskussion "zur heimischen Lage der Programmkinos" am Wiener Badeschiff. Viennale-Direktor Hans Hurch stellte im Rahmen des Festivals gemeinsam mit Besitzern österreichischer Programmkinos einen Forderungskatalog vor, der "sowohl als Appell an die Politik" verstanden werden, als auch "öffentliches Bewusstsein schaffen" soll. Um auf die neuen Anforderungen an Kinos aufmerksam zu machen, die mit der Digitalisierung einher gehen, haben sich nach jahrelangen Gesprächen zehn Kinobetreiber zusammengeschlossen und die "IG Programmkinos" gegründet. Vertreten sind sowohl Betreiber Wiener Innenstadtkinos wie Votivkino und Gartenbaukino, als auch u.a. des Moviemento in Linz und des Innsbrucker Leokino.

"Wir verfügen in Österreich über eine international unvergleichbare, vielfältige Programmkinoszene, die sowohl das europäische als auch das heimische Kino unterstützt", so Hurch, "aber politisch nicht ausreichend gestärkt wird." Gemeinsam hat die Interessengemeinschaft Qualitätskriterien formuliert, die eine Einrichtung dezidiert als Programmkino definieren, das als solches Förderungen öffentlicher Hand verdient. "Es handelt sich ja nicht um Almosen, die wir empfangen wollen", betonte Michael Stejskal, Betreiber des Wiener Votivkinos und Geschäftsführer des Filmladen-Verleihs. "Daher ist es wichtig, Leistungen genau zu definieren." So sollen mindestens 30 Prozent des Programms vom europäischen Kino abgedeckt werden, womit auch Filme aus dem Weltkino verbunden sind, die "weder aus den USA oder Kanada noch aus dem europäischen Förderkontext stammen", so Stejskal.

Weitere Kriterien sehen vor, dass mindestens fünf Prozent des Programms auf den österreichischen Film fallen, sieben Tage jährlich Platz für ein Festival bieten, mindestens zwei Dokumentarfilme pro Jahr und Saal gespielt werden, umfangreiche Filmvermittlungsarbeit erfolgt und bei Städten ab einer gewissen Größe die Hälfte der Filme in Originalfassung gezeigt werden. Um sich von Multiplex-Kinos abzugrenzen, darf zudem die Anzahl der Kinosäle vier nicht überschreiten. Ebenjene Multiplex-Kinos sind es auch, die es den Programmkinos durch die voranschreitende Digitalisierung schwer machen, konkurrenzfähig zu bleiben. "Mittelfristig werden Programmkinos ohne Digitalisierung nicht überleben", meinte Hans König vom Wiener Filmcasino, "da man bestimmte Filme nur noch als digitale Kopie erhält."

Digitale Umstellung

Rund 80.000 Euro koste die digitale Umstellung einer einzelnen Leinwand, so Hurch, "eine Summe, die Programmkinos aus eigenen Mitteln nicht erwirtschaften können". Man wolle die 35mm-Projektoren nicht abschaffen, beides zu erhalten bedeute aber auch doppelte Betriebskosten. "Wir sind einerseits mit einer generellen Unterfinanzierung, also strukturellen Schwächen konfrontiert", so der Viennale-Direktor, "und haben zusätzlich das Problem neuer technologischer Anforderungen." Hier sei die Politik gefragt. In Deutschland beschloss der Bund dieses Frühjahr, beinahe alle deutschen Kinos innerhalb der nächsten fünf Jahre mit digitaler Technik auszustatten, wobei nur 20 Prozent der Kosten dabei von den Kinos selbst zu tragen sind.

Durch gutes Lobbying und öffentliche Aufmerksamkeit soll laut Hurch in Österreich das gelingen, was auch schon der heimische Film in den letzten Jahren durch internationale Erfolge vollbracht habe, nämlich "politischen Rückhalt zu erhalten". Maximal 35.000 Euro Förderung erhält ein Programmkino derzeit jährlich vom Bund, die Forderung der IG ist eine Anhebung auf 50.000 Euro und zusätzliche Unterstützung bei der digitalen Umstellung. "Da geht es wirklich nicht um sehr hohe Beträge", so König, "vor allem verglichen mit anderen Kunstformen."

Kinos aus den Bundesländern sind besonders betroffen. Dietmar Zingl betreibt das Leokino in Innsbruck und bringt damit "eine Diversität in die Stadt, die es sonst nicht gäbe". "Das Medium Film ist in Europa hoch gefördert, das Kino ist auf der Liste ganz weit hinten", merkte Zingl an. "Förderer unterstützen digitale Filme, die wir nicht abspielen können aber sollen." Ein "Sterben der Programmkinos", wie es die vergangenen Jahre oft hieß, gebe es laut Alexander Syllaba, Betreiber des Cinema Paradiso in St. Pölten, nicht. "Die Struktur ist lebendig und im Kern gesund", fügte Stejskal hinzu, "aber auch sehr fragil." Stelle man sich nicht wie große Mitbewerber auf die technologischen Fortschritte ein, werde man bald vom Markt überrollt.

Gefahr für freie Wahl des Programms

Multiplex-Kinos finanzieren die Digitalisierung größtenteils über das Integratorenmodell, bei dem sich neben Kinobetreiber und Verleih eine dritte Partei einschaltet, die Kapital bei den Verleihern einholt. Diese müssen für den Filmeinsatz eine "Virtual Print Fee" errichten, quasi als Ersatz für die Kosten einer herkömmlichen 35mm-Filmkopie. "Dieses Modell wird in Österreich monopolistisch gehandhabt", so Stejskal. Lasse man sich auf einen Rahmenvertrag mit der in Österreich agierenden XDC ein, bedeute dies auch einen starken Eingriff ins Programm. Diesen Schritt will keiner von ihnen gehen, da sind sich Stejskal, Hurch und Co einig. Programmkinos sollen sich weiter das erhalten, was sie auszeichnet: die freie Wahl ihres Programms, abseits des Mainstreams.

In den kommenden Tagen wollen Kinobetreiber und Mitglieder der "IG Programmkinos" den Forderungskatalog auf ihren Websites online stellen. (APA)

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