Schicksalswahlen in Côte d'Ivoire

30. Oktober 2010, 13:42
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Nach acht Jahren Unruhe und Bürgerkrieg sollen Präsidentenwahlen am Sonntag mehr Stabilität bringen

Yamoussoukro/Nairobi - Seinen Wählerausweis trägt Charles in der Hosentasche. "Wenn am Sonntag gewählt wird", sagt der Hotelportier aus Abidjan mit einem Hauch von Erleichterung in der Stimme, "dann bin ich bereit."

Ein bisschen Skepsis blieb ihm allerdings bis zuletzt. Denn seit 2005 schon warten die Menschen in Côte d'Ivoire darauf, dass sie einen neuen Präsidenten wählen können. Immer wieder wurde die Abstimmung abgesagt, auch in letzter Minute. Aber diesmal, hat der Chef der Wahlkommission, Youssouf Bakayoko, versprochen, sollen alle 5,7 Millionen Wahlberechtigten die Chance haben.

"Wer auf den Wählerlisten steht und sich identifizieren kann, darf wählen", so Bakayoko - selbst wenn er aus organisatorischen Gründen keinen Wählerausweis bekommen habe. So wolle man gewaltsame Proteste vermeiden.

Die Wahl am Sonntag ist auch ein Test, ob die einst als Afrikas Vorzeigenation geltende Côte d'Ivoire an alte Zeiten anknüpfen kann. Nur wenn von der Wahl ein Zeichen der Stabilität ausgeht, so glauben Beobachter, wird sich die Wirtschaft in der schwer angeschlagenen Nation weiter erholen.

Zwar liefert das Land bis heute gut 40 Prozent des Weltmarktbedarfs an Kakaobohnen, doch das allein reicht nicht aus, um das wachsende Heer der Arbeitslosen zu beschäftigen. Im Wahlkampf ist die ökonomische Zukunft des Landes daher ein Kernthema.

"Wir müssen mindestens zwei Millionen Tonnen Kakaobohnen produzieren", wirbt Präsident Laurent Gbagbo für eine Verdopplung der Agrarleistungen. Der ehemalige Präsident Henri Konan Bédié wirbt hingegen für eine Abkehr vom Agrarsektor. "Unser Ziel ist es, den Rohstoff- und Energiesektor zum wirtschaftlichen Entwicklungsmotor zu machen."

Der langjährige Oppositionelle Alassane Ouattara stellt die Versöhnung des über Jahre geteilten Landes in den Mittelpunkt: "Ich verspreche eine Regierung der nationalen Einheit." In Umfragen liegt Gbagbo vor Bédié. Doch in einem weithin erwarteten zweiten Wahlgang würde sich Ouattara sicherlich auf die Seite von Gbagbos Gegenspieler stellen.

Denn die beiden gelten als Erzfeinde, seit Gbagbo sich vor fast zehn Jahren weigerte, Ouattara als Präsidentschaftskandidaten zuzulassen. Gbagbo, der mit rassistischen Parolen gegen Gastarbeiter aus benachbarten Sahelstaaten hetzte, hatte Ouattara als "Ausländer" gebrandmarkt, weil seine Eltern keine "reinen Ivorer" seien. Berüchtigt wurde zu der Zeit die Schlägertruppe Gbagbos, die "Jeunes Patriotes". Deren Chef in Bouaké, der größten Stadt im Zentrum des Landes, hat bereits angekündigt, einen Sieg von Gbagbos Gegnern nicht zu akzeptieren. (Marc Engelhardt/DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.10./1.11.2010)

 

 

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    Gbagbo-Anhänger im Stadion von Abidjan

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