Erdogans Frau zum Kopftuch gezwungen

27. Oktober 2010, 13:13
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"Sie schloss sich in ihr Zimmer ein und weinte": Zeitungsbericht heizt Debatte um Liberalisierung des Kopftuch-Verbots in der Türkei an

Istanbul - Mitten in die Debatte über die Zulässigkeit des islamischen Kopftuches im öffentlichen Raum der säkulären Republik Türkei platzt die Meldung, dass eine der prominentesten Kopftuchfrauen des Landes einst als junges Mädchen unter Zwang ihr Haar verhüllte - Emine Erdogan, die Frau des türkischen Ministerpräsidenten, wurde von ihrem Bruder dazu gezwungen, wie jetzt bekannt wurde. Unterdessen blickt das Land gespannt auf den an diesem Freitag anstehenden Nationalfeiertag, bei dem Kopftuchfrauen und säkuläre Militärs erstmals gemeinsam im Präsidentenpalast empfangen werden sollen.

Angst vorm Zwang zum Kopftuch

"Sie schloss sich in ihr Zimmer ein und weinte", sagte Emine Erdogans Bruder Hasan Gülbaran der Zeitung "Milliyet". Die heutige Frau des türkischen Ministerpräsidenten wuchs als einziges Mädchen mit vier Brüdern auf, von denen der älteste laut Gülbaran das Kopftuch erzwang. "Mein Bruder war ja damals auch noch ein Kind", sagte Gülbaran. Falsch sei der Zwang dennoch gewesen: "Wenn eine Frau ihr Haar verhüllt, soll sie das aus freiem Willen tun."

Der Zwang zum Kopftuch ist genau das, was Recep Tayyips Erdogans GegnerInnen befürchten. Wenn das Kopftuch erst einmal gesellschaftsfähig sei, würden die Religiösen alle Frauen unter Druck setzen, sagen sie. Beispiele dafür gibt es allerdings kaum, und auch in der Familie des frommen Muslims Erdogan gilt offenbar der Grundsatz "leben und leben lassen". Emines Schwägerin Saadet Gülbaran, die wie ihre beiden Töchter ihr Haar offen trägt, sagte jedenfalls in der "Milliyet", sie kenne Erdogan seit 40 Jahren und habe noch nie erlebt, dass er es unverschleierten Frauen gegenüber an Respekt fehlen ließ.

Misstrauen verhindert Einigung

Nicht alle TürkInnen sind von der Toleranz des Regierungschefs so überzeugt wie seine Schwägerin. Nachdem die türkische Hochschulverwaltung vor einigen Wochen das Kopftuchverbot für Studentinnen in den Universitäten per Erlass aufgehoben hatte, berieten die politischen Parteien in Ankara über eine grundsätzliche gesetzliche Lösung. Doch tiefes Misstrauen verhinderte eine Einigung. Die säkularistische Oppositionspartei CHP warf der islamisch geprägten Erdogan-Partei AKP vor, sie wolle das Kopftuch bald auch für minderjährige Schülerinnen und für Beamtinnen einführen.

Die Regierungspartei verneint das zwar, doch einige Äußerungen aus den Reihen der AKP gaben dem Islamismus-Verdacht gleichzeitig neue Nahrung. Nun will Erdogan erst nach den Wahlen im kommenden Sommer ein Kopftuch-Gesetz schmieden. Laut Umfragen kann die seit acht Jahren regierende AKP bei den Wahlen mit einem erneuten Sieg rechnen.

Entwicklung in gewünscht Richtung

Grund zur Eile sieht Erdogan nicht, die Entwicklung läuft auch so in die von ihm gewünschte Richtung. Nach dem Kopftuch-Erlass an den Unis gehört die islamische Kopfbedeckung bereits an gut der Hälfte der Hochschulen zum Alltag. Wütende Proteste oder Strafanzeigen blieben bisher aus, auch weil selbst die CHP-Führung inzwischen die Kopftuchfreiheit an den Unis befürwortet. Die Kopftuch tragende Frau von Staatspräsident Abdullah Gül, Hayrünnisa Gül, konnte vergangene Woche beim Besuch von Bundespräsident Christian Wulff erstmals die Ehrengarde der streng säkularistischen Militärs abschreiten.

Bedeutsamer Staatsfeiertag

An diesem Freitag soll nun der nächste Schritt in der Versöhnung der säkulären Republik mit dem Kopftuch folgen, das von zwei Dritteln ihrer Bürgerinnen getragen wird. Gül hat zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren sowohl die strikt säkularistischen Militärs als auch Kopftuchfrauen wie seine eigene Gattin und Emine Erdogan gemeinsam zu einem Empfang anlässlich des Nationalfeiertages eingeladen. Bisher hatte Gül stets zwei Empfänge organisiert - einen mit und einen ohne Kopftuch.

Von der Armeeführung gibt es noch keine Antwort auf die aktuelle Einladung des Staatspräsidenten. Vor drei Jahren drohten die Generäle wegen der damals anstehenden Wahl Güls zum Staatsoberhaupt noch mit einem Putsch. Inzwischen hätten die Militärs aber wohl eingesehen, dass sie ihren Frieden mit dem Präsidenten und seiner Kopftuch tragenden Frau schließen müssten, kommentierte die regierungsnahe Zeitung "Sabah". Deshalb würden die Militärs wahrscheinlich zum Empfang kommen und der islamisch verhüllten First Lady die Hand schütteln. Sollte das wirklich geschehen, wäre dies viel mehr als nur ein Händedruck: Auch ohne Gesetzesänderungen wäre damit der Kopftuchstreit in der Türkei beigelegt. (APA)

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    Der Zwang zum Kopftuch ist genau das, was Recep Tayyips Erdogans GegnerInnen befürchten: Wenn das Kopftuch erst einmal gesellschaftsfähig sei, würden die Religiösen alle Frauen unter Druck setzen, meinen sie.

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