Plünderung in irakischer Nuklearanlage

2. Mai 2003, 18:26
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Anrainer nahmen kontaminierte Gegenstände mit nach Hause - Schädling freigesetzt

Wien - "Ziemlich beunruhigend" ist der mildeste Ausdruck, den man bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien zu den Nachrichten von der irakischen Nuklearanlage Tuwaitha zu hören bekommt; zumeist sind es kräftige Flüche: Aus dem irakischen Atomforschungszentrum wurde nach Beginn des Kriegs bei Plünderungen angeblich nukleares Material in großem Umfang verschleppt.

Auch als am 6. April US-Truppen bei dem 48 Hektar großen Areal südlich von Bagdad eintrafen, konnten sie dem gefährlichen Spuk kein Ende bereiten: Die Soldaten waren zu wenige - und das, wird in der IAEO bitter angemerkt, obwohl die Behörde die USA vor Wochen schriftlich aufgefordert hatte, sich um die Sicherung der Anlage zu kümmern. Dort ist (war) von der IAEO versiegeltes schwach angereichertes Uran (fast 2000 kg) gelagert, außerdem natürliches Uran (94 Tonnen) und kleinere Mengen von Cäsium, Kobalt und Strontium.

Keine Antwort Ob die USA bereits das Ausmaß der Plünderungen verifiziert haben, ist nicht bekannt; bis Freitagvormittag hat die IAEO auf Anfragen noch keinerlei Antwort bekommen. Laut einem Bericht der Washington Post hätten Unstimmigkeiten innerhalb der US-Regierung dazu geführt, dass man sich nicht auf die Entsendung eines Expertenteams einigen konnte.

Es ist nicht klar, ob in Tuwaitha radioaktives Material mit der Absicht gestohlen wurde, es weiterzuverkaufen - womöglich an Terroristen. Nach Augenzeugenberichten hätten Dorfbewohner aber einfach auch nur Sachen aus der Anlage nach Hause mitgenommen, die ihnen nützlich erschienen, ohne sich ihrer Gefährlichkeit bewusst zu sein.

Ein von Al-Jazeera interviewter irakischer Wissenschafter, der zuvor im Zentrum gearbeitet hatte, berichtete, dass er in einem Haushalt nahe dem Nuklarzentrum ein entleertes kontaminiertes Fass vorfand, in dem Tomaten gelagert wurden, andere Behälter wurden für die Trinkwasseraufbewahrung verwendet oder auch, um Milch in die Molkerei zu bringen. Das Material, das sich zuvor darin befunden hatte - radioaktives Uran - wurde offensichtlich zum Teil einfach weggeschüttet, auch in den Fluss. Der irakische Wissenschafter sagte weiters, er habe ein zehnjähriges Mädchen gesehen, das sich ein Stück Uran (yellow cake) umgehängt hatte.

Aber das ist noch nicht alles: In Tuwaitha wurde die extrem schädliche Schraubenwurmfliege (Chrysomya bezziana) gezüchtet, die, nachdem sie durch radioaktive Bestrahlung sterilisiert und in befallenen Gebieten ausgesetzt wurde, als biologisches Insektizid innerhalb der eigenen Spezies wirkt (ein ähnliches Projekt mit Tsetsefliegen gibt es in Seibersdorf). Laut Berichten von in Tuwaitha arbeitenden Experten sollen Tausende noch nicht sterilisierte Fliegen freigesetzt worden sein; der Schaden, den sie anrichten können, ist noch nicht abzuschätzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3. und 4. Mai 2003)

Von Gudrun Harrer
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