Ein sehr ehrenwerter Selbstversuch

26. Oktober 2010, 20:49
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Der 43-jährige Thomas Muster war ein Gewinn für das Wiener Tennisturnier, obwohl er gegen den 23-jährigen Andreas Haider-Maurer 2:6, 6:7 verloren hat. Man hatte mit einer deutlicheren Abfuhr gerechnet

Wien - Der Selbstversuch des Thomas Muster füllte am Nationalfeiertag die Wiener Stadthalle. 8000 Menschen waren gekommen, um nicht Andreas Haider-Maurer zu sehen, aber das wusste der 23-jährige Niederösterreicher, er kam ja nicht auf der Nudelsuppe zur Bank-Austria-Trophy geschwommen. Sondern er kam als Lucky Loser der Qualifikation, der Lette Ernests Gulbis hatte nämlich kurzfristig abgesagt.

Das Land mag seine Helden, also Muster. Der 43-jährige Steirer stillt die Bedürfnisse der Nostalgiker perfekt, bekanntlich ist ja früher alles besser gewesen. Wobei Muster tatsächlich der Beste gewesen ist, es ist halt schon 15 Jahre her, aber irgendwie ist das in Österreich völlig einerlei. Vor 26 Jahren hat er zum ersten Mal in der Stadthalle serviert, bis 1998 ist er regelmäßig da gewesen (13 Mal), und nun hat der alte Mann mit dem Schläger eine Wild Card angenommen. Sie wurde ihm förmlich aufgedrängt. Die letzte Partie auf der Tour hat Muster im Mai 1999 bestritten. Die Gründe für sein Comeback, das er im vergangenen Mai verlautet und das ihm auf Challenger-Ebene einen Sieg und fünf Niederlagen beschert hat, sind Musters Privatsache. Jedenfalls sagt er, er möchte Grenzen ausloten, sich mit der Jugend vergleichen, neue Erfahrungen sammeln.

Haider-Maurer, die Nummer 157, stand natürlich unter Druck. Hätte er verloren, frage nicht, eine monatelange Depression wäre noch die harmloseste aller Folgen gewesen. Aber Haider-Maurer hat ohnedies 6:2, 7:6 (5) gewonnen, gedauert hat der Spaß 1:15 Stunden. Muster hatte nichts anderes erwartet, auf Grund seiner Routine (seines Alters) wusste er, dass er Außenseiter gewesen ist.

Natürlich hat er sich topfit präsentiert, sein Kampfgewicht liegt aktuell bei 76 Kilogramm. Als Haider-Maurer noch in den Windel gelegen hat, wog die ehemalige Nummer eins ein bisserl mehr. Muster 2010 erinnerte schon an Muster 1995, weil sich sein Stil kaum geändert hat. Viel Topspin, viel Laufarbeit, noch mehr Kampfgeist. Aber des Gegners Tempo war doch zu hoch, die Bälle flogen zu flach und zu direkt auf Muster zu. Beim Aufschlag musste er rund 30 Stundenkilometer vorgeben. Aber den Zuschauern hat es gut gefallen (Standing Ovations), und Muster setzt seinen Selbstversuch fort. Er ist auf zwei Jahre ausgelegt. "Ich bin ja noch jung." Andreas Haider-Maurer macht am Donnerstag in Wien gegen den Italiener Andreas Seppi weiter.

Tennis der Gegenwart möchte heute der topgesetzte Jürgen Melzer zeigen. Er beginnt seine Titelverteidigung gegen den Polen Lukasz Kubot. Melzer führt 2:0 und ist auch im dritten Vergleich der klare Favorit. (Christian Hackl; DER STANDARD Printausgabe; 27.Oktober 2010)

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    Thomas Muster bestimmte im zweiten Satz großteils das Tempo und hatte durchaus seine Chancen.

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