Büchner-Preis an Reinhard Jirgl überreicht

23. Oktober 2010, 20:32
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Bedeutendster deutscher Literaturpreis ging an Autor, "der oft weh tut" - Auszeichnung auch für Karl-Markus Gauß

Darmstadt - Der Berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl ist am Samstag mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet worden. Der in der DDR aufgewachsene Jirgl habe in "einem Romanwerk von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet", begründete die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung die Vergabe des Preises an den 57-Jährigen Schriftsteller.

"Reinhard Jirgl tut oft weh", so Helmut Böttiger in seiner Laudatio auf den Preisträger. Er stehe für das Sperrige und Lesehürden, er scheine geradezu Barrikaden zwischen sich und der landläufigen Öffentlichkeit aufgebaut zu haben. "Man braucht nur Jirgl zu sagen, und man weiß Bescheid", nannte es Böttiger. Jirgls Romane seien schmerzhaft zeitgenössisch. Sie benutzten Versatzstücke aus Fernsehtrash und Trivialkultur, aber verweigerten sich jeglichem Konsens. "Jirgl ist das, wovor uns die Germanistikprofessoren immer gewarnt haben", fuhr der Laudator fort.

Wichtigster Literaturpreis in Deutschland

Der mit 40.000 Euro dotierte Georg-Büchner-Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland.

Jirgl ist vor allem für seine anspruchsvolle, experimentelle Sprache bekannt. So nutzt er Ziffern und Zeichen - schreibt etwa "1zige" statt "einzige", "&" oder setzt Ausrufungszeichen vor Wörtern und Bindestriche scheinbar wahllos. In "Die Stille" finden sich Sätze wie: "?Hättest du=Anihrerstelle? nicht weinen müssen. Denn son Hochzeit's Tag gilt doch für 1 Frau als Der-Schönste-Tag=im-Le -"

In seinen Romanen führe Jirgl vor, wie wichtig für ihn der Prozess des Schreibens selbst sei, sagte Laudator Böttiger. So werde klar, welche Funktion seine besondere Schreibweise und Zeichensetzung hätten. Der alphanumerische Code verschaffe seinen Texten eine zusätzliche Informationsebene.

Der Ausgezeichnete selbst betonte in seiner Dankesrede, mit dem Preis nicht gerechnet zu haben. "Das Unverhoffte ist mir nun als Geschenk zuteilgeworden", sagte Jirgl. In eine durchaus kindliche Freude wie über jedes Geschenk mische sich hierbei die große Ermutigung für seine weitere Arbeit wie gleichfalls da Wissen um deren materielle Voraussetzung. Der Preis sei für ihn "der schönste Impuls zum Weitermachen und ein Hinweis darauf, dass ich das Bisherige nicht vergebens geschrieben habe".

Am Samstag sind von der Akademie zudem der österreichische Autor Karl-Markus Gauß mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay sowie Luca Giuliani mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet worden.

Reinhard Jirgl wurde 1953 in Ost-Berlin geboren und schrieb bis zur Wiedervereinigung nur für die eigene Schublade. Als er sein erstes umfangreiches Manuskript "Vater Mutter Roman" 1985 beim Ost-Berliner Aufbau-Verlag einreichte, wurde ihm eine "nichtmarxistische Geschichtsauffassung" vorgeworfen und die Veröffentlichung verweigert. Das Werk erschien nach der Wende 1990 in einem Literaturprogramm beim Aufbau-Verlag, blieb jedoch nahezu unbeachtet. Die entscheidende Änderung in der öffentlichen Wahrnehmung kam erst 1993, als er für seinen Roman "Abschied von den Feinden" mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet und Autor des Carl Hanser Verlags wurde.

Drei Jahre später gab Jirgl seine Tätigkeit als Techniker an der Berliner Volksbühne auf und arbeitet seitdem als freier Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm die Romane "Die Unvollendeten" (2003), "Abtrünnig" (2005) und "Die Stille" (2009). (APA/dpa/dapd)

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