Ein Goldenes Zeitalter in Nahaufnahme

20. Oktober 2010, 17:49
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Das Filmarchiv Austria stellt in zwölf musikalisch begleiteten Programmen das vielfältige österreichische Stummfilmkino der Zwanzigerjahre vor

Ein Wiener Massenblatt wusste schon anno 1929 seine Reichweite über mediale Grenzen hinweg zu vergrößern: Gemeinsam mit einem prominenten Wiener Künstlerehepaar hatte die Kronen Zeitung für 24 Kriegswaisen die Firmung ausgerichtet. Die Charity-Aktion schaffte es bei zweimaliger Nennung des Medienpartners unter dem Titel Der schöne Firmungstag! auch ins Lichtspieltheater.

Die kurze Aktualität, die die Säulen der Gesellschaft (Kirche, Entertainment und Krone) so trefflich vereint, ist Teil der Retrospektive "Silent Masters". Das Filmarchiv Austria steuert zur Viennale traditionell ein historisches Programm mit Österreich-Bezug bei. Den Anfängen der heimischen Filmproduktion wurde dabei bereits Rechnung getragen. Jetzt wird ein Abschnitt ausgestellt, der, wenn man so will, ein erstes österreichisches Filmwunder - und dessen krisenhafte Wendung - erzählt: "Wenn es je ein ,Goldenes Zeitalter' des österreichischen Films gab, so waren dies die frühen Zwanzigerjahre", schreiben die Kuratoren Günter Krenn, Armin Loacker und Nikolaus Wostry im Katalog programmatisch.

Boom und Ernüchterung

Gleich zu Beginn des Jahrzehnts, befeuert von der grassierenden Inflation und der Aussicht auf lukrativen Export, erreichen die Produktionszahlen ungeahnte Höhen. Der Boom hält jedoch nicht lange. Bald gibt es einen drastischen Einbruch (nur fünf Spielfilme 1925), bevor sich die Produktion in der zweiten Hälfte der 1920er wieder stabilisiert. 1926 werden 22 abendfüllende Spielfilme gemacht. Einer davon ist Die Pratermizzi, den ein gewisser Gustav von Ucicky inszeniert und Walter Reisch (Maskerade) geschrieben hat. Der Film, der in einer vom Filmarchiv rekonstruierten 51-minütigen Fassung läuft, zeigt auch eindrucksvoll, zu welcher erzählerischen Komplexität und formalen Bandbreite das Kino inzwischen in der Lage ist.

Die Geschichte beginnt im Wurstelprater - die Spielfilmproduktionen verlassen häufig die Studios und nehmen Außenaufnahmen an Originalschauplätzen vor. Ein älterer Herr heuert einen jungen Mann an, der an seiner statt eine romantische Verabredung einhalten soll. Die junge Frau, die mit einer Blume am Revers auf den Unbekannten wartet, und der junge Mann verleben zwischen Ringelspiel und Calafati turbulente Stunden. Einige Rendezvous später sind sie ein Paar. Dann erliegt der Mann den Verführungskünsten einer geheimnisvollen Varietétänzerin. Es scheint, als wäre er für die Pratermizzi, die traurig wieder ihren Dienst in der Grottenbahn versieht, ein für alle Mal verloren.

Der Film operiert nicht nur mit den schönsten Farbakzenten - zumal in den Tunneln der Praterattraktion, wo ein glühender Höllendrachen die Wägelchen zieht. Er variiert auch effektvoll die unterschiedlichen Einstellungsformate: von der Großaufnahme bis hin zu Totalen, in denen die menschlichen Gestalten vor der Kulisse und vor ihrer Gefühlswelt ganz klein geworden sind. Und er operiert mit Zeitsprüngen, mit visionären Einschüben in die Erzählung, die vom Publikum eine gewisse Eingeübtheit erfordern.

Viel unmittelbarer funktionieren da die Einlagen der großartigen Komödiantin Betty Balfour, die sich 1929 in Géza von Bolvárys Champagner vom niedersten Rang in der Küche eines Nachtklubs kurzerhand in den mondänen Saal und an den Tisch eines Millionärs katapultiert.

Auch Balfour spielt mit ganzem Körpereinsatz, grimassiert, stolpert und parodiert ihre Rivalin in deutlicher Überzeichnung. Aber eine Darstellung, wie sie Carmen Cartellieri zu Beginn des Jahrzehnts im Melodram Die Würghand darbot - die expressive Ausdrucksweise einer klassischen Diva -, ist in wenigen Jahren trotzdem einer nuancierteren Form gewichen.

Auch solche Entwicklungen lassen sich anhand der Schau verfolgen. Die "Silent Masters" der 1920er-Jahre werden in zwölf Programmen präsentiert, kurze, teils dokumentarische Arbeiten flankieren vor allem Spielfilme - oder das, was von ihnen erhalten blieb. Eine weitere flankierende Maßnahme sind die Live-Vertonungen, die in Wien tätige experimentelle Formationen und Solisten erarbeitet haben. Und weil es im Untertitel der Schau "Episode 1" heißt, darf man wohl mit einer Fortsetzung rechnen. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2010)

 

Buchpräsentation "Österreichische Filmografie Band eins. 1906-1918" im Rahmen der Eröffnung am 22. 10., Metro, 21.00

  • Keine "Silent Masters" ohne ausdrucksstarkes Personal vor der Kamera: Carmen Cartellieri  als Femme fatale in "Die Würghand" (1920) ...
    foto: filmarchiv austria

    Keine "Silent Masters" ohne ausdrucksstarkes Personal vor der Kamera: Carmen Cartellieri  als Femme fatale in "Die Würghand" (1920) ...

  • ... und Anny Ondra als süßes Wiener Mädel mit Namen "Die Pratermizzi" (1926).
    foto: filmarchiv austria

    ... und Anny Ondra als süßes Wiener Mädel mit Namen "Die Pratermizzi" (1926).

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