Rundschau: Der Lichtschein am Ende des Wurmlochs

    5. Februar 2011, 10:07
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    X-Large-Ausgabe mit James Tiptree Jr., George R. R. Martin, Daryl Gregory, L. E. Modesitt und einem Haarerauf-Intermezzo zum Thema Fantasy

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    coverfoto: goldmann

    David Moody: "Todeshunger"

    Broschiert, 381 Seiten, € 9,30, Goldmann 2010.

    Man kann lange darüber philosophieren, ob eine Geschichte in jedem Fall fortgesetzt werden muss, oder ob es manchmal nicht doch die bessere Variante wäre, es bei einem Einzelwerk mit (halb-)offenem Schluss, der aber eine erkennbare Tendenz aufweist, zu belassen. Siehe etwa Jeff Carlsons "Nano"-Trilogie, deren Teile 2 und 3 dem ersten Band nichts Vergleichbares mehr hinzuzufügen hatten - oder um ein bekannteres Beispiel zu nennen: "Matrix". Ein Kandidat für diesen Effekt hätte auch "Todeshunger" (2010 als "Dog Blood" erschienen) sein können, mit dem Horror-Star David Moody seinen fulminanten Roman "Im Wahn" ("Hater"; hier die Nachlese) fortsetzt. Doch "Todeshunger" ist ein würdiger Nachfolger in Sachen Erbarmungslosigkeit, soll heißen: Er treibt die ebenso widerwärtige wie auf perfide Weise hochintelligente Erzählung konsequent weiter.

    Die zahlreichen Kontexte, die im ersten Band anklangen - von der Angst vor Amokläufen und Terrorismus bis hin zur Rolle der Medien bei der Konstruktion dieser Angst - interessieren in "Todeshunger" fürs erste niemanden mehr. Was zählt, ist der neue Status quo: Ein Drittel der Menschheit hat sich aus nach wie vor ungeklärter Ursache in Hasser verwandelt, deren oberstes Ziel es ist, so viele Nichtbetroffene zu massakrieren wie möglich. Diabolischerweise können Hasser einander erkennen und sogar einen toten "Artgenossen" identifizieren - für die Normalgebliebenen hingegen sieht jeder Mensch gleich aus: ein Faktor, der Panik und Hilflosigkeit bis zum Äußersten steigert. Vom Militär abgesichert, lebt die Normalbevölkerung in Städten zusammengepfercht, während das Umland an die Hasser gefallen ist und die Vorräte immer knapper werden, da nichts mehr angebaut werden kann. Moody verdichtet die klaustrophobische Situation noch einmal, indem er in einigen Kapiteln den Niedergang einer Gruppe von Flüchtlingen beschreibt, die auf engstem Raum in einem Hotel hausen und von den Behörden zur Aufnahme immer weiterer MitbewohnerInnen gezwungen werden.

    Der Fokus liegt aber auf der anderen Seite: Zu Beginn des Romans ereignet sich ein berserkerhafter Überfall auf einen Evakuierungskonvoi, ein Szenario, das aus Zombie-Filmen sehr vertraut wirkt. Doch aus der gesichtslosen Menge mordender Bestien löst sich eine, die gerade eine um Gnade flehende Frau geköpft hat, heraus ... und wir haben den Protagonisten von Band 1 wieder: Danny McCoyne, der am Ende von "Im Wahn" zum Hasser wurde. Der nun nach seiner ebenso verwandelten Tochter sucht, während ihm Frau und Söhne, alle drei unverändert geblieben, vollkommen egal sind. Der aus seinem Haus liebevoll Puppe und Strampelanzug für das kleine Mädchen birgt und zugleich mit Wonne in seiner neuen Daseinsform aufgeht, etwa bei einem Hasser-Angriff auf ein Spital voller Überlebender: Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, als ich Paul folge, den Hang hinablaufe und mir nichts sehnlicher wünsche, als in dem Krankenhaus zu sein, damit das Töten beginnen kann.

    Das Außerordentliche an Moodys Erzählung ist, dass er nicht einfach nur Gewalt als sich verselbstständigendes System beschreibt, sondern dass er auch die LeserInnen (hoffentlich) dazu bringt, ihre Rolle beim Konsum von Gewaltdarstellungen zu überdenken. Auch wenn man in der Regel einen Protagonisten "auf der richtigen Seite" der moralischen Grenze als Identifikationsfigur hat, bekommt man die ganzen süffigen Szenen von Mord und Totschlag ja dennoch mitgeliefert; ein vermeintlich unschuldiges Vergnügen: sind ja die anderen, die Böses tun. Hier hingegen ist der potenzielle Sympathieträger - und wer könnte schon mehr Sympathien wecken als ein Vater, der verzweifelt nach seiner Tochter sucht? - ein Soziopath und vielfacher Mörder, der das Geräusch genießt, mit dem eine aus dem Fenster gestürzte Frau auf dem Boden aufschlägt. Der vor Stolz und Vaterliebe schier birst, wenn sich seine zum Monster gewordene Tochter durch Reihen von wehrlosen Opfern fräst. Und der die kleine Bestie gezielt als Waffe einsetzt. Durch die Umkehrung der in Action-Reißern üblichen Perspektive lotet Moody gnadenlos die Grenzen des Erträglichen aus. Und überschreitet sie.

    Moody scheint die Unterschiede zwischen den beiden Lagern mehrfach zu verwischen: Beide Seiten führen gewaltsame Plünderungen durch, auf beiden Seiten gibt es Individuen, die sich dem gegenseitigen Töten verweigern. Gruppen von Unveränderten ziehen los, um Hasser nicht in Notwehr, sondern aus Spaß an der Freud zu töten, zudem setzen die Unveränderten wie schon in Teil 1 auf die Strategie der Massenvernichtung - waren es Gaskammern (Moody schreckt wirklich vor keinem Tabu zurück) in "Im Wahn", so sind es nun Atomwaffen. Aber unter dem Strich ist die Gleichsetzung eine scheinbare: Die Unveränderten bleiben diejenigen, die re-agieren; ihre Aktionen entspringen letztlich der Notwehr, auch wenn sie deren Grenzen mehrfach überschreiten. Und die große Mehrheit von ihnen könnte gut ohne Töten auskommen, wenn sie nur irgendwie überleben. Die Hasser hingegen sind diejenigen, für die das Töten Selbstzweck und Endziel darstellt - ein Ziel, das niemals in Frage gestellt wird. Dass sie keine hirnlosen Zombies sind, sondern ihr Sein und Handeln sehr wohl reflektieren können, unterstreicht die Bedeutung dessen noch einmal.

    Und auch wenn angesichts des Dauergemetzels niemand mehr Zeit hat, sich mit den Ursachen der "Epidemie" zu beschäftigen, klingen zwischen den Zeilen von "Todeshunger" einige spannende Aspekte an. Während die Intermezzi um die Gruppe von Unveränderten im Imperfekt erzählt werden, schildert Danny seine Geschichte im Präsens. Ausdruck dafür, dass die Hasser nur in der Gegenwart leben bzw. dass sie nur die ekstatischen Momente des Tötens überhaupt als Leben empfinden, während sie alles dazwischen - Essen, Kommunizieren und sämtliche andere Arten von Aktivität - nur als Phasen des Vegetierens ansehen. Sie nutzen die vorhandenen Mittel der Zivilisation, produzieren aber keine neuen. Und sie scheinen auch die Lust auf Sex zu verlieren. Spinnt man den Gedanken weiter, würden nach einem Sieg der Hasser wohl bald die Lichter ausgehen ... was zu interessanten Spekulationen darüber veranlasst, was wohl wirklich hinter der Zweiteilung der Menschheit stecken könnte. Vielleicht wird der noch für heuer angekündigte Abschlussroman, derzeit unter dem bezeichnenden Titel "Them Or Us" in Arbeit, diese Frage klären. Ob ich dafür dann noch einmal die Magennerven habe, weiß ich allerdings noch nicht.

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