Höchstens "letzter Auslöser"

1. Mai 2003, 15:00
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Deutsche Soziologin glaubt nicht an direkten Nachahmungseffekt bei Berichterstattung über Selbstmorde

Köln - Selbstmorde in Filmen oder Suizidberichte in Nachrichten lösen nach Ansicht einer Kölner Soziologin keinen direkten Nachahmungseffekt aus. Die Darstellung von Methoden kann nach Ansicht der Wissenschafterin Christa Lindner-Braun allerdings der "letzte Auslöser" für einen Freitod sein.

In einer am Mittwoch vorgestellten Untersuchung hatte sie sich mit bisherigen internationalen Studien beschäftigt, die einen echten Nachahmungseffekt durch Selbstmorde in den Medien bestätigten. Eine Suizidneigung könne nicht durch einmalige Fernseherlebnisse "nachhaltig beeinflusst" werden, betonte Lindner-Braun. Vielmehr entstehe diese "in einem längerfristigen Prozess im Laufe des Lebens."

Misserfolgsmotiviert

Eine Neigung zum Selbstmord kann nach Ansicht der Forscherin durch die Einstellung eines Menschen zu seiner eigenen Leistung entstehen. Wer Misserfolg als Beweis für eigene Unfähigkeit ansehe, entwickle langfristig eine pessimistische Lebenseinstellung, betonte Lindner-Braun. Einen möglichen Einfluss spricht sie in diesem Zusammenhang auch den medial vermittelten Werten und Normen zu. "Es bringen sich mehr Menschen in Kulturen um, in denen nicht das Schicksal, sondern die eigene Leistung für die Geschicke des Lebens verantwortlich gemacht wird", betonte Lindner-Braun. Dies sei besonders in hoch entwickelten westlichen Gesellschaften der Fall.

Bei einem Menschen, der zu Selbstmord neigt, kann der Soziologin zufolge die Darstellung eines Freitods in den Medien "eine letzte Barriere" aufheben. Sie könnten so über eine "attraktive Methode" informiert werden. Lindner-Braun mahnte die Medien daher, solche Darstellungen auszusparen.(APA)

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