Hammermäßig

5. Mai 2003, 12:08
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Ursprünglich als Gebrauchsgegenstände konzipiert, mausern sich Designstücke auf diversen Auktionen immer mehr zu echten Schätzen

Wenn sogar schon MTV-Moderatoren gerne auf "Sitz-Eiern" oder Panton-Sesseln lümmeln, dann gelangen Möbel, die man gemeinhin unter Design zusammenfasst, quasi an den Zenit ihrer Popularität. Modernes Design, also Gebrauchsgegenstände wie Möbel, Beleuchtungskörper, Glas und Porzellan, welches man im Allgemeinen ab den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts ansetzt - Ausnahme Wiener Werkstätte -, ist für schmälere Brieftaschen zuweilen noch erschwinglich. Das betrifft jedoch hauptsächlich die 60er- und 70er-Jahre-Plastik-Ära, die im Verband mit nostalgischem Wickie, Slime & Paiper und Konsorten wieder in die Lande gezogen ist. Wie populär das Genre ist, zusätzlich angekurbelt etwa durch Panton, Eames-oder Marcel-Breuer-Retrospektiven in Museen, zeigt unter anderem die Tatsache, dass das Möbelhaus Interio Verner Pantons geschwungenen Stapel-Schalensessel als Neuauflage quasi massenmäßig verkauft.

Mittlerweile befriedigen spezialisierte Galerien die steigende Nachfrage, die auch mit kräftigen Preiserhöhungen einhergeht. Für Wien sind vor allem "Lichterloh - Der Wohnverstärker", die Galerie Klaus Engelhorn und "Rauminhalt" zu nennen. Früh den Trend erkannt hat Dorotheum-Expertin Gerti Draxler. Seit 1995 finden jährlich ein bis zwei Versteigerungen im Wiener Haupthaus statt. Belief sich das Ergebnis im ersten Jahr auf nicht profitable 300.000 Schilling, konnte man im Mai des Vorjahres 513.000 Euro oder 68 der angebotenen 214 Lose an neue Besitzer bringen. Heuer, am 6. Mai, warten 332 Objekte auf neue Abnehmer. Als Katalogblickfang dient diesmal Luigi "Mr. Organic" Colanis TV-Relax-Liege aus 1969.

Das zeigt: Vom günstigen Einsteiger-Schnäppchen weg konzentriert sich das Angebot des Dorotheums nun auf hochpreisigere Ware. Und somit hat sich laut Draxler ein neues Publikumssegment erschlossen. Hauptsächliche Kunden sind "internationale Designsammler und auch Museen, die kontinuierlich kaufen". Ein Stück wie die angebotene, seltene Stehlampe von Karl Trabert sei international stark gefragt, sagt Draxler, da der originale Lampenschirm dieses Exemplares aus Diffuna bestehe, einem speziell entwickelten Material aus Papier. 3500 bis 4500 Euro müsste die Lampe aus 1928 wert sein.

Ein neuer, sehr profitabler Käufertypus ist, laut Draxler, der des Interior-Designers, der hauptsächlich für private Haushalte einkauft. Für Spontankäufe, früher möglich, sei das Angebot heute zu teuer.

Auf Spitzenstücke setzen auch die internationalen Auktionshäuser Christie's, Sotheby's und Phillips. Seit dem Vorjahr bringt auch "im Kinsky" (vormals "Wiener Kunst Auktionen") Hochkarätiges auf den Markt. Bei dieser Auktion entstand ein absurd hoher Preis für Design made in Austria: Für Massenware, sechs von Roland Rainers Stapelstühlen, flossen 18.500 statt der erwarteten 800 Euro in die Kasse. Joe Colombos origineller Tube Chair spielte 5000 Euro ein. Gerti Draxler hat für ihre Auktion vorsichtshalber gleich zwei Sets Sechser-Stapelstühle - einmal mit Armlehnen, einmal ohne - von Rainer im Programm, Schätzwert 1200 bis 1500 Euro.

Dem Vorwurf, dass die Ware allgemein qualitativ schlecht wäre, widerspricht der britische Fachmann Philipp Garner, der von Sotheby's zu Phillips, New York, übergewechselt ist. Er gibt zu bedenken, dass man zwischen Prototypen, gleich danach produzierten Objekten und späterer Massenware unterscheiden müsse. Garner: "Die frühen Stücke werden überleben." Ist aber auch o.k., wenn man zur Wohnungseinrichtung vier weiße Panton-Stapelsessel bei Interio kauft, als heilig um einen teuren Prototypen herumzuschleichen und ihn regelmäßig abzustauben. Wer allerdings ein bleibendes Werk will, sollte beim unlackierten Gussrohling des S-Stapelstuhles zugreifen, 1967/68 als eines von 150 Stücken einer Versuchsserie. Geschätzter Preis: zwischen 2800 und 3500 Euro. Zwischen 1000 und 1500 Euro könnte man gleich vier Stück, schwarz oder weiß, aus den frühen 70er-Jahren ersteigern. Im November des Vorjahres erwarb jemand ein sehr schönes rotes Exemplar für 9100 Euro. Seltenheit zahlt sich anscheinend auch bei - bestens erhaltenem - Plastik aus. (DER STANDARD/rondo/Doris Krumpl/02/05/03)

Auktion am 6. 5. im Palais Dorotheum
1010, Dorotheerg. 17
dorotheum.com
Tel. (01)51560-0, Katalog: € 18,
Bestellung: dorotheum
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