Das Böse ist wieder normal

13. Oktober 2010, 18:24
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Blogger Thomas Strobl rät: Straches FPÖ mit Regierungsverantwortung überziehen, denn Rot-Grün würde Blau die politischen Jagdgründe jenseits der 30 Prozent erschließen

Bevor sich gleich alle aufrichtig Bewegten über mich hermachen: Ich halte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache für einen wandelnden Kategorienfehler, eine Reinkarnation der vor-modernen Gesellschaft in zeitaktueller Nationaltracht. Der kerzengerade Aufstieg dieses Mannes vom schlecht lösenden Abziehbildchen des kahlrasierten Paintball-Mobs zum Wiener Volkshelden erinnert an das alte dictum von Karl Marx, wonach die Tragödien der Geschichte regelmäßig wiederkehren, aber als Farce. Farcen gehören aber zum festen Repertoire der österreichischen Politik, deren formales Oberhaupt “Werte”, die man zwar brauche, aber von denen man bis heute nicht erfahren hat, welche sie sind, zum Ticket seiner Wiederwahl gemacht hat. Insofern war der Erfolg von “HC” und seinen heimatstolzen Junioren vorhersehbar, denn um “Werte” und nichts anderes als ”Werte” geht es ja auch ihm. Und hey: was dem österreichischen Bundespräsidenten recht ist, das ist dem Strache billig. Zumal er wenigstens zu erkennen gibt, für welche Werte er steht.

Wenn ich die Zeit und die Energie aufbringen könnte, mich mit dem uferlosen Sumpf der österreichischen Innenpolitik auseinanderzusetzen, dann würde an dieser Stelle täglich ein Pamphlet gegen Strache & Co erscheinen; als letzter Dienst an meine alte Heimat aus der neuen deutschen quasi - ein Wortspiel, das dem HC sicherlich gefallen würde. Ja, es ist ein shitty job, aber Herr-Gott-noch-mal: Einer muss ihn doch machen, angesichts der grandios verfehlten Wahl der Waffen, mit der eine in nichts außer Sozialneid geschulte österreichische Linke dem Gegner entgegentritt, auf ungewohntem Terrain und daher alsbald in ihrer eigenen Moralinsäure verdampfend. Allein: Die Zeit habe ich nicht.

Was mir allerdings immer einen Beitrag entlocken kann, ohne Zwang und ohne Zögern, sind die aus dem tiefen, dunklen Wald schallenden Rufe deutscher Kulturjournalisten, die aus welchen Gründen auch immer Instant-Kommentare über den kleinen Bruder im Süden abgeben. So schreibt in der Süddeutschen Michael Frank, ein “Korrespondent der alten Schule”, wie der Wiener Falter zu urteilen beliebt, über den jüngsten Wahlerfolg von HC Strache:

“Und er ist Macho genug für die autoritär Gewirkten, ungebildete junge Männer sind seine stärksten Bataillone. (…) Strache schickt sich an, die FPÖ zu dem zu machen, was Haider gerne erreicht hätte: zur neuen Arbeiterpartei Österreichs.”

Und damit gibt er dem gerechtigkeitsverliebten Affen Zucker, all denen, die sich als “um-die-Zusammenhänge-Wissende”, “Gebildete”, “Global Denkende”, “Nach vorne Strebende” verstehen - mit einem Wort: uns halt, die wir die Dinge klar erkennen und die Geschäftsvorfälle des Planeten richtig zu verbuchen wissen. Der ungelenke Pöbel mag in seiner Kurzsichtigkeit das reine Böse zu seinem Schicksal küren, doch “wir” wissen es natürlich besser, dank der Erhabenheit unseres Standpunkts und des Facettenreichtums unserer Perspektive. Die dummen Proletarier können ja auch im Grunde nichts dafür, Globalisierungszwänge, Arbeitsplatzangst, Zukunftssorgen – das sind die neuen Früchte des Zorns, über die kommende John Steinbecks ihre Novellen schreiben werden.

"Hat er nicht recht?"

Was der Österreichexperte aus Bayern seinen Lesern unterschlägt, ist die den oben zitierten Kernsätzen seiner Einschätzung diametral entgegenstehende Realität des österreichischen Wählerverhaltens, und zwar auch und vor allem außerhalb der traditionellen Arbeiter- und Unterschichtenmilieus. Strache rekrutiert seine Anhänger zuhauf unter Ärzten, Rechtsanwälten, Ingenieuren und Architekten, gelegentlich ertappen sich sogar befreundete Lehrer mir gegenüber beim einfach-so-rausgerutschten “Hat er nicht recht?”. Das Unerhörte im kaffeehaus-zwanglosen Zwiegespräch wird flugs mit einem Glaserl Vöslauer hinuntergespült, aber der Gedanke bleibt sitzen. So und so viele Lehrer haben Strache gewählt, so und so viele andere auch, auf denen der Preisaufkleber “billig” des süddeutschen Kollegen schlicht nicht haften will.

Ob zu Recht oder nicht: Es gärt in der rot-weiß-roten Republik, und wir reden mitnichten über ein Unterschichtenphänomen. Strache eroberte schon bei den letzten Landtagswahlen Bastionen, die ich für in alle Ewigkeit “rot” oder “schwarz” gehalten hätte, im bäuerlichen Umfeld meiner niederösterreichischen Heimatgemeinde ließ er die SPÖ hinter sich und versetzte der ÖVP heftige Schläge. Dort wählen aber keine Arbeiter und keine sozial Exkludierten, sondern die Träger des Bildungsbürgertums (oder was heutzutage noch davon übrig ist). In Österreich wiederholt sich, was wir in Holland und anderen Staaten bereits überdeutlich gesehen haben und was sich seit neuem auch in Deutschland ankündigt: Breite Wählerschichten haben aus diversen, keineswegs homogenen Gründen die Schnauze voll. Auf eine diffuse, nichtsdestoweniger durchschlagende Weise huldigen sie ihrem “Stolz” – ihrem thymotischen Stolz, wie Peter Sloterdijk wohl sagen würde. Der Vormarsch der Rechten ist Realität, sie ist gekommen, um zu bleiben. Das Böse ist wieder wählbar, der Sündenfall wird zur Unterkategorie der Normalität.

Dass unser süddeutscher Freund aufgrund seiner Fehldiagnose eine nicht-allzu-bitter-schmeckende Medizin verordnet, ergibt sich zwangsläufig:

“Dennoch wäre Wiens Bürgermeister Michael Häupl mit seiner SPÖ gut beraten, nun mit den Grünen zu koalieren.”

Rot-Grün und das Undenkbare

Ja, macht das! Schreibt Euch eine “3-wise-monkey”-Strategie auf die Fahnen, nach dem Motto “Nichts Böses sehen, nichts Böses hören, nichts Böses sprechen”. Strache zu dämonisieren und mit den Grünen erst recht die Standarten des Multikulti zu hissen ist der beste Weg, um der FPÖ die politischen Jagdgründe jenseits der 30%-Marke zu erschließen. Eine rot-grüne Regierung als Reaktion auf dieses Wahlergebnis kann auch von gemäßigt-hysterischen Strache-Sympathisanten nur als Provokation empfunden werden.

Viel effektiver wäre das Undenkbare: Straches FPÖ mit Regierungsverantwortung zu überziehen. Denen, die sich als außerhalb des Systems vermarkteten, ist es noch nie gut bekommen, wenn sie plötzlich Teil des Systems wurden. Straches Ziehvater Jörg Haider wusste ein Lied davon zu singen: Wo europaweite Empörung und offizielle Sanktion seitens der EU gegen eine Mauer aus “jetzt-erst-recht” prallten, begingen er und seine Mannen bereits nach kurzer Koalitionserfahrung Harakiri.

Eine Regierungsbeteiligung in Wien wäre für das politische Heil der rot-weiß-roten Republik nur ein geringes Risiko, denn in dieser Position beschließt man weder drakonische Ausländergesetze noch die Neueröffnung von Mauthausen; in dieser Position treibt man keine billigen “Mustafa”-Scherzchen mehr, ohne seine Eignung als Regierungspartei zu verwässern; in dieser Position hat man weitaus mehr zu verlieren als zu gewinnen; in dieser Position ist der Grat zwischen gefeiertem Aufsteiger und blamiertem Dorfdepp ein schmaler. Falls Strache in einer Wiener Koaltion wider Erwarten reüssiert, dann haben wir in Europa eben eine Partei mehr im rechten Spektrum; eine Partei, deren Führungspersonal den Unterschied zwischen Neonazi-Parolen und ministerialen Luxuslimousinen sehr wohl zu schätzen weiss. Gott hat den Teufel geschaffen, in dem er ihn aus dem Himmelreich warf; seither macht Luzifer von der Hölle aus Stress. Hätte Gott ihn bei sich behalten, dann wäre der Leibhaftige zweifellos zum celestischen Karrierediplomaten mutiert, noch bevor die Irdischen überhaupt mitbekommen hätten, wie Schwefel riecht. Warum in der Hölle einen auf Radau machen, wenn die Freuden der Konformität so nah?

Aber vermutlich wird das nicht geschehen. Vermutlich werden sich die Stets-Besorgten durchsetzen, das Gute in die Regierung holen und es dort restlos zerreiben. Vielleicht hatte Marx ja Unrecht, und die Tragödie nutzt ihre Wiederkehr als Farce nur zur Einübung des großen Comebacks. (Thomas Strobl, derStandard.at, 13.10.2010)


Thomas Strobl ist Ökonom und Blogger (www.weissgarnix.de), Co-Herausgeber von "Die Zukunft des Kapitalismus",  und Autor von "Ohne Schulden läuft nichts" - auf Twitter ist er hier zu finden.

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