38 chemische Elemente entdeckt - Massiv erhöhte Feinstaubwerte

12. Oktober 2010, 19:50
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Greenpeace: Arsen als größte Gefahr - Feinstaubbelastung in Devecser um bis zu sechsmal höher als erlaubt

Wien/Kolontar/Devecser - Greenpeace veröffentlichte am Dienstag die Ergebnisse der Messungen nach der Umweltkatastrophe im westungarischen Komitat Veszprem. Sowohl die Liste an Schadstoffen im Giftschlamm sowie die Feinstaubbelastung im Krisengebiet ergaben eine prekäre Situation für Menschen und Umwelt. In der Zwischenzeit wurde das Aluminiumwerk, in dem sich am vergangenen Montag der Chemie-Unfall ereignet hat, unter Zwangsverwaltung gestellt. Der riesige Schutzdamm bei Kolontar ist fast fertig.

38 chemische Elemente - Arsen extrem gefährlich

Durch zumindest drei von insgesamt 38 verschiedenen untersuchten Elementen können langfristige Probleme für Umwelt und Gesundheit entstehen: Antimon, Nickel und Cadmium. "Jedes dieser Elemente ist sowohl für die Menschen als auch für Tiere und Umwelt problematisch. Die aus unserer Sicht kritischste Verunreinigung bleibt jedoch nach wie vor jene durch Arsen", interpretiert Greenpeace-Chemiker Herwig Schuster die heutigen Ergebnisse.

Antimon, Nickel und Cadmium und Chrom

Antimon wurde in einer Menge von 40 mg/kg gefunden und liegt damit beim Dreifachen der für Böden zulässigen Belastung. Antimon wird als "möglicherweise krebserregend" eingestuft. Das bekannte Allergen Nickel wurde in einer Menge von 270 mg/kg nachgewiesen und liegt damit über dem Bodengrenzwert. Cadmium wurde in einer Konzentration von 7 mg/kg gefunden.
Diese Menge liegt zwar unter den Bodengrenzwerten, stellt jedoch für die ohnehin schon Cadmiumbelasteten Böden, etwa durch Kunstdünger, ein Problem dar. Cadmium kann besonders gut von Pflanzen aufgenommen werden und ist daher für die Landwirtschaft problematisch. Cadmium gilt unter anderem als fortpflanzungsgefährdend und nervenschädigend.

Greenpeace liegt auch die spezifische Chromanalyse vor. Der Rotschlamm enthält nur 0,46 mg/kg an hochgiftigem sechswertigem Chrom (Cr-VI), der größte Anteil an Chrom liegt in Form des relativ harmlosen dreiwertigen Chroms (Cr-III) vor.

Hohe Feinstaubbelastung in Devecser und Umgebung

Laut Greenpeace ist die Feinstaubbelastung in Devecser und Umgebung um bis zu sechsmal höher als erlaubt. Erste Messungen in Devecser haben ergeben, dass die Feinstaubbelastung (PM 10) derzeit zwischen 60 und 300 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m3) schwankt. Der Grenzwert liegt bei 50 µg/m3, dieser darf nur an 35 Tagen pro Jahr überschritten werden. Auch die Ultrafeinstaubwerte (PM 2,5) liegen deutlich über dem Grenzwert (USA: 15µg/m3). In Ungarn wurde heute trotz Windstille bereits ein Wert von 30 µg/m3 ermittelt.

"Heute ist es in Ungarn quasi windstill und trotzdem liegen bereits massive Grenzwertüberschreitungen vor. Sollte in den nächsten Tagen auch noch Wind aufkommen, befürchten wir, dass die Feinstaubwerte um ein Vielfaches steigen werden", kommentiert Greenpeace-Sprecher Jurrien Westerhof die Lage. Greenpeace wird morgen und in den nächsten Tagen weitere Messungen auch in Richtung österreichische Grenze durchführen.

Meteorologen: Derzeit keine giftigen Luftverfrachtungen

Auch Meteorologen beobachten laufend die Verfrachtungen der Luftmassen aus dem betroffenen Gebiet rund um Ajka. Bestandteile des giftigen Rotschlamms gelangen laut  Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) derzeit nicht in die Luftströmung: "Die schädlichen Inhaltsstoffe des Schlammes sind derzeit gebunden, das heißt, diese können nicht mit der Luftströmung verfrachtet werden." Das Wetter sei im Moment auch kein Risikofaktor für den desolaten Damm, der zu brechen droht. Bis Ende der Woche liege die Wahrscheinlichkeit für stärkere Niederschläge, die einen Dammbruch beschleunigen könnten, deutlich unter zehn Prozent, so die Meteorologen.

 

Firma unter Zwangsverwaltung

Nachdem am Montag der Generaldirektor der MAL AG festgenommen worden war, wurde das Unternehmen am Dienstag unter Zwangsverwaltung gestellt und die Vermögenswerte eingefroren. Staatspräsident Pal Schmitt unterzeichnete ein Gesetz, das am Vorabend vom Parlament gebilligt worden war.

Aluminiumfirma nimmt Produktion wieder auf

Die Aluminiumfirma MAL AG soll in wenigen Tagen die Arbeit wieder aufnehmen. Mit der Produktion an dem Standort in Ajka werde kommendes Wochenende wieder begonnen, kündigte György Bakonyi, Kommandant des Katastrophenschutzes, am Dienstag gegenüber der ungarischen Nachrichtenagentur MTI an.

MAL AG soll verstaatlicht werden

Ministerpräsident Viktor Orban setzte den Kommandanten des ungarischen Katastrophenschutzes, György Bakonyi, als Regierungskommissar an die Spitze des Aluminiumwerks. Die MAL AG soll verstaatlicht werden. "Da dies nicht eine Naturkatastrophe, sondern ein von Menschen verursachter Schaden ist, muss der Schadenersatz an erster Stelle nicht von den Steuerzahlern, sondern den Verursachern gezahlt werden", erklärte der Regierungschef.

Höhe des Sachschadens noch nicht absehbar

MAL kündigte an, "im Verhältnis zu seiner Verantwortung" Schadenersatz zu leisten. Die Höhe des Sachschadens sei jedoch noch nicht absehbar. Der ungarische Umweltstaatssekretär Zoltan Illes erklärte, allein an Geldstrafen für Schäden an Wasserwegen und Umwelt hätten sich bereits 19,2 Milliarden Forint (70 Millionen Euro) angehäuft.

Angst vor zweiter Flutwelle - Behelfsdamm soll Dorf schützen

Acht Tage nach der tödlichen Giftschlamm-Lawine haben Helfer einen 600 Meter langen Behelfsdamm fast fertiggestellt. Das Bauwerk könne das Dorf Kolontar zwar schützen, müsse aber noch mit Steinen verstärkt werden, sagte ein Behördensprecher vor Ort. Kolontar wurde von der Schlammlawine am stärksten getroffen. Aus Angst vor einer zweiten Flutwelle wurde schließlich der Damm gebaut. (APA,red)

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    Die giftige Substanz aus dem geborstenen Becken enthält laut Greenpeace insgesamt 38 chemische Elemente

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