Farborchester mit Pauken und Moneten

    9. Oktober 2010, 08:39
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    Die Kassen müssen wieder klingeln - das war der Anspruch der Pariser Defilees für Frühjahr 2011. Sie zeigten einen mutigen Dries Van Noten, einen verspielten Marc Jacobs und einen auf Abschied gestimmten Karl Lagerfeld

    Zeltweite, wadenlange Wallekleider. Patchwork-Drucke. Ein Kaleidoskop an Farben. Champagnerselig klangen die Pariser Designerschauen mit der Modeschau von Kenzo-Designer Antonio Marras für Frühjahr/Sommer 2011 aus. Die Kreationen, die der sardische Designer zum vierzigsten Geburtstag des Hauses im frischrenovierten Winterzirkus zeigte, waren allerdings nur ein schwacher Abglanz der überbordenden Fantasie des ersten japanischen Designers in Paris.

    Was Kenzo Takada einst in den Siebzigerjahren für die Mode bedeutete, sieht man heute eher bei Dries Van Noten aus Antwerpen. Auch er ist wagemutig, ohne die Realität aus den Augen zu verlieren. Und so begleiten jetzt übergroße Blazer mit hängenden Schulterpolstern und hochgekrempelten Ärmeln überweite Hosen mit zusammengezurrtem Tütenbund. Dazu umwehen Hemdentuniken wadenlange Rockfutterale mit hoher Schärpentaille.

    Der Belgier präsentiert alles, was die Mode im nächsten Frühjahr und Sommer umtreibt: die neuen Weiten und Längen, superleichte Stoffe im Kontrast zu kompakteren Qualitäten und ungewohnte Farbkombinationen, die er pastellfarben koloriert.

    Galliano in Abenteurerlaune
    Der Druck, weltweit verkaufen zu müssen, lastet auf den Kollektionen. Vielleicht sieht deshalb die Mode bei Dior so frisch und verständlich aus, dass man schon während des Defilees die Verkaufskassen klingeln hört. Dafür hat sich Dior-Designer John Galliano von Marlon Brandos Südsee-abenteuer im Kino-Hit Meuterei auf der Bounty inspirieren lassen. Die Folge sind beschwingte Sommerkleidchen mit Volantröcken in Karibikfarben, unter weiten, weißen Parkas und Seemanns- jacken. Shorts und weite Matrosenhosen sorgen für Abwechslung.

    Auch bei Valentino besinnen sich dessen Nachfolger Maria Grazia Chiuri und Pier Paolo Piccioli darauf, wofür das Label eigentlich steht. Mit fragilen Organzakleidchen in Cappuccino-Braun, mit wehenden, kniekurzen Röcken, Schleifchen am Hals und Wellenrüschen bleiben sie dicht am Original, können dem aber eine neue, junge Mädchenhaftigkeit hinzugewinnen.

    Das gelingt nicht allen. Jean Paul Gaultier bewegt sich lieber in vertrauten Bahnen, wenn er für seine eigene Kollektion zum x-ten Mal den Punk der frühen Jahre zitiert, für Hermès hingegen, dessen Imperium auf Sätteln begründet ist, schwingt er zum letzten Mal (Christophe Lemaire wird sein Nachfolger) die Reitpeitsche für einen fast klassischen Reiter-Look. Aber er weiß, wie man das alles geschickt verkauft: Beweist bei ihm die schwergewichtige Beth Ditto, wie gut sie bei Stimme ist, so bezaubern bei Hermès sieben Pferde mit Reiter als Bühnenhintergrund und unter Kronleuchtern mit Hoher Schule.

    Sogar bei Yves Saint Laurent lässt sich der Italiener Stefano Pilati zum ersten Mal wirklich vom Erbe des großen Yves inspirieren. Doppelreihig geknöpfte Cabanjacken und schwarze, durchsichtige Schluppenblusen sehen dabei ebenso sattsam bekannt aus wie das "Bauernkleid" aus den Siebzigerjahren mit Schnurdurchzug am Ausschnitt, Saumvolant und Pluderärmeln.

    Doch die eigentliche Saint-Laurent-Schau findet diesmal bei Louis Vuitton statt. Marc Jacobs, völlig begeistert von der großen Saint-Laurent-Retrospektive im Pariser Petit Palais, greift Yves' China-Thema auf mit Fanfarenklängen und ausgestopften Tigern vor verspiegelter Rückwand. Und auf einem schwarzen Marmorlaufsteg paradieren die gewagtesten Farbkombinationen in Paris. Gelb knallt auf Violett und Nussbraun, Pink begleitet Schwarz und Smaragdgrün, und wadenlange, hüfthoch geschlitzte Futteralkleider zeigen Tigerstreifen und Stehkragen, wie im Hongkong-Film In the Mood for Love.

    Die Stunde der Minimalisten
    Angesichts dieser Farbexplosionen könnte man leicht übersehen, wie aufregend einfach sie eigentlich geschnitten sind. Denn wieder einmal schlägt die Stunde der Minimalisten! Vor einem Jahr hat die Engländerin Phoebe Philo mit Bravour bei Céline bewiesen, dass Frauen wieder bereit sind, sich auf Purismus einzulassen und auf den Spuren Helmut Langs zu wandeln. Doch diesmal sehen ihre schmucklosen Mäntel und Überwürfe zu winterlich aus, und farbige Linien, die ihre strengen Stehkragenblusen in Flächen unterteilen, wirken karg.

    Nicht so in Alber Elbaz' Lanvin-Kollektion! "Ich habe alles geändert", stammelt er erschöpft nach der Schau, die zum Modernsten gehört, was in Paris zu sehen war. Nie zuvor sind Elbaz' Kleider so klarlinig und abgeräumt gewesen, ob sie nun dem Körper folgen oder ihn wallend umfluten. Angesetzte Stoffbahnen setzen mit Drapees Akzente, Giftgrün und Fuchsia elektrisieren Grafitgrau und Tabakbraun. Leichtigkeit vermitteln flache Sandalen mit dünnen Sohlen und feinen Riemchen.

    Dies alles scheint Karl Lagerfeld nicht zu kümmern. Bei Chanel lädt er zum Spaziergang in einen weitläufigen steinernen Garten, den er ins Grand Palais bauen lässt. Darin verlieren sich kompakte Minikostüme in Silbergrau und blassen Pastells mit brikettdicken Plateausohlen an den Füßen. Durchlöcherte Jeans zu Blüschen mit flirrendem Marabufederbesatz begleiten sie ebenso wie ein hochdramatisch aufspielendes Symphonieorchester.

    Gerüchte bei Chanel
    Als ihn beim Finale Inès de la Fressange, Karls Muse aus den Achtzigern, die der Meister einst verstieß und seit 25 Jahren nicht mehr an seiner Seite zu sehen war, umarmt und herzhaft unterhakt, freuen sich nicht nur Claudia Schiffer, Vanessa Paradis und Keira Knightley in der ersten Reihe. Aber auch Gerüchte um Abschied machen die Runde. Hat sich Lagerfeld doch von Alain Resnais' wehmütigem Film Letztes Jahr in Marienbad inspirieren lassen, für den Mademoiselle Coco 1961 die Kostüme entwarf. Nun, man wird sehen. Spätestens bei den Modeschauen im März nächsten Jahres in Paris. (Peter Bäldle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.10.2010)

     

     

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      Der Belgier Dries Van Noten präsentierte alles, was die Mode im nächsten Frühjahr und Sommer umtreibt

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