Auf der Buchmesse

8. Oktober 2010, 11:08
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Auch die große Literaturmesse funktioniert längst nach der Methode Lugner: Das eigene Gesicht mit aller Kraft in die Medien – und zwar wurscht welche – zu bringen, ist das Maß (fast) aller Dinge

Ingrid Noll seufzt: „Es geht hier nur um Vermarktung", sagt sie, als wir uns doch noch auf den Weg zum Diogenes-Stand machen - und das mit gehöriger Verspätung: Die große alte Dame des deutschsprachigen Krimis sollte seit einer halben Stunde am Verlagsstand Autogramme schreiben und für Fans direkt ansprechbar sein - aber ich habe gnadenlos überzogen. (Noll war zu spät gekommen. Weil sie zuvor - bei der FAZ-Bühne - länger als geplant bleiben musste. Kann ich da was dafür?)

Nolls Fans schauen mich böse an. Noll selbst strahlt. Auch wenn sie gerade zuvor die Buchmesse noch als hypertrophe Marketingveranstaltung gerüffelt hat, ist zu spüren, dass sich die 75-jährige Autorin freut : Marketing hin, Promotion her - wenn da Menschen sind, die das, was man tut schätzen, macht der Marsch durch die Alleen der Trommelschläger dann doch (auch) Spaß.

Namen

Dennoch hat Ingrid Noll Recht: Frankfurt - also die Buchmesse - ist vor allem außer eine riesige Vermarktungsmaschine. Und auch wenn es hier vornehmlich um hohe, geistige Kunst geht, funktioniert das Werkel hier längst so, wie überall anders: Was zählt, sind Namen. Was zieht, sind Namen. Was sich auszahlt (für Verlage wie für Medien) sind Namen.

Kein Wunder also, dass dort, wo Hellmuth Karasek sein aktuelles Werk präsentiert, die TV-Teams brav eine Schlange bilden, die bis hinter den Stand des nächsten Verlages reicht: RTL hinter Vox hinter der ARD hinter N24 hinter dem WDR. 1001 Internet- und regionale Kabelklitschen haben ihre Teams auch in die Reihe gestellt. Und längst sagen die Größe der Teams und die Größe der Kameras nichts mehr über Größe und Relevanz des Senders aus.

Karasek sitzt da. Seit Stunden, wie es scheint. Und wohl noch Stunden. Aber jeder bekommt sein Interview. „Weltexklusiv", wie die Kollegen in der Schlange unter- und miteinander scherzen. Aber egal: So will es das Gewerbe: Natürlich könnte Karasek die immergleichen Fragen auch einmal im Studioset ein- und für allemal beantworten. So, wie es die Hollywoodfilmstudios ihre Stars ja längst tun lassen. Aber trotzdem will halt jeder Sender sein Logo per Mikrofon ins Bild ragen lassen.

Aufsuchende PR-Maßnahmen

Doch das Warten lässt sich nicht bloß mit Kollegentratsch verkürzen: Schlaue PR-Leute schicken ihre mit Pressemappen und Goodies bewaffneten Hostessen nämlich just dorthin, wo es vorhersehbar ist, dass sich hier die Pressemeute staut. Und dort, wo eine TV-Kamera steht, bleiben sie auch stehen - und warten. Geduldig. Lächelnd. Immer freundlich - aber in der Sache unerbittlich. Wie Zeugen Jehovas oder Tür-zu-Tür-Verkäufer, die den Fuß auch dann nicht aus der Tür nehmen, wenn man schon mit dem Vorschlaghammer drauf drischt: „Wollen Sie denn wirklich nicht auch kurz zu Jochen Schweizer und seinem vertikalem Ballett kommen? Das sind soooo tolle Bilder..."

Jochen Schweizer, der Vermarkter von Bungeejumping und anderen ebenso sinnvollen wie teuren Adrenalinkicks, hat nämlich seine Biographie geschrieben. Aber um im Getöse der als Schreiber etablierten Marken nicht unter zu gehen, muss er eben lauter tönen. Oder Bilder bieten: Mädchen, die am überdimensionalen Buchcover „vertikales Ballett" zeigen eben. Zwischen den meist doch proper bieder ihre Bücher bewerbenden Traditionalisten sind die aber dann tatsächlich ein Hingucker.

Penetranz zahlt sich aus

Doch um die Buch-Presse auf sich aufmerksam zu machen, rückt der Mann, der stolz erklärt, bereits über 600.000 Menschen dazu gebracht zu haben, ihm Geld dafür zu geben, dass er sie von Türmen oder Staumauern schmeißt, dann auch selber ran. Mit einer Beharrlichkeit und Penetranz, die seine Promotiongirls fast bescheiden wirken lässt. Und gegen die sogar die Zudringlichkeit von Kalibern wie Richard Lugner dezent scheint: Allein um Schweizer wieder los zu werden, macht so mancher Journalist ein paar Bilder, ein Interview oder einen Schwenk. Schweizer weiß genau: Was da ist, wird irgendwann dann auch verwendet.

Mit wem er da was wie beplaudert, weiß er am Ende des Tages vermutlich gar nicht mehr. Spielt ja auch keine Rolle - weil das hier alle so machen: Martin Suter wirkt geradezu erleichtert, kein Autogramm und keine Widmung schreiben zu müssen. Dieter Moor halbiert gerade einmal kurz das Gehtempo („Schnell, schnell! Oh, was ist denn das für eine lustige Kamera?") - und wer sich da aufs gemeinsame Foto drängt, ist auch allen anderen hier schnurzpiepegal.

Berühmt auf Facebook

Allen. Wirklich allen. Weil sich alle mit allen und jeder mit jedem ablichtet. Auf Verdacht: Der andere könnte ja wichtig sein. Oder werden. Oder irgendwie irgendwo aufscheinen, wo das eigene Bild dann doch Kreise ziehen oder von Freunden gesehen werden könnte: 1,5 seconds of Fame. Oder so ähnlich. Und sei es bloß als anonyme Begleiterscheinung auf Facebook: Wer in Frankfurt vor einer TV-Kamera steht - und sei es nur für Sekunden - kann sicher sein, dass da ein paar Dutzend Handycams mit draufhalten. Und dass ein paar Leute danach auch um gemeinsame Erinnerungsfotos bitten. Einfach so. Bloß auf Verdacht. Das ist mehr als Eigen-Marketing über den Kurswert eines fremden Gesichtes. Das ist das Setzen auf Luftwerte. Ein Zocken mit Optionsscheinen auf fremde Visagen.

Seine Haut, schüttelt Ingrid Noll am Weg zum Diogenes-Messestand den Kopf, trage hier wohl wirklich jeder zu Markte. Und manchmal, seufzt sie, komme es ihr beinahe so vor, als vergäßen viele, worum es hier eigentlich gehe. Oder einmal ging. Oder gehen sollte: Um Bücher. Um Geschichten. Um die Freude daran, sie zu erzählen oder zu lesen. Doch für diese Nebensächlichkeit hat in Frankfurt heute wohl kaum jemand mehr Zeit. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 8.10.2010).

  • Beim Interview-Termin mit Autorin Ingrid Noll hat Thomas Rottenberg 
gnadenlos überzogen.
    foto: thomas rottenberg

    Beim Interview-Termin mit Autorin Ingrid Noll hat Thomas Rottenberg gnadenlos überzogen.

  • Rund um das neue Buch von Hellmuth Karasek herrschte auf der Frankfurter Buchmesse ein riesiger Medien-Hype.
    foto: thomas rottenberg

    Rund um das neue Buch von Hellmuth Karasek herrschte auf der Frankfurter Buchmesse ein riesiger Medien-Hype.

  • Vor Hellmuth Karasek hatten sich so gut wie alle deutschen TV-Sender brav in einer Schlange angestellt, um "Weltexklusives" zu berichten.
    foto: thomas rottenberg

    Vor Hellmuth Karasek hatten sich so gut wie alle deutschen TV-Sender brav in einer Schlange angestellt, um "Weltexklusives" zu berichten.

  • Bungeejumping- und Adrenalinkick-Experte Jochen Schweizer hat ebenfalls ein Buch veröffentlicht.
    foto: thomas rottenberg

    Bungeejumping- und Adrenalinkick-Experte Jochen Schweizer hat ebenfalls ein Buch veröffentlicht.

  • Auch Martin Suter war auf der Buchmesse in Sachen Eigen-PR aktiv.
    foto: thomas rottenberg

    Auch Martin Suter war auf der Buchmesse in Sachen Eigen-PR aktiv.

  • Genauso Dieter Moor.
    foto: thomas rottenberg

    Genauso Dieter Moor.

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