Türkischer Student bangt um seinen Abschluss

6. Oktober 2010, 20:54
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Studierende aus Nicht-EWR Staaten müssen jährlich ihren Studienerfolg nachweisen Einem Türken droht die Abschiebung, obwohl er nach nur vier Semestern Politikwissenschaft kurz vor dem Bachelor-Abschluss steht

Wien - "Oguzhan rief mich an und sagte, er müsse mir mein Buch sofort zurückgeben, weil er nicht wisse, wann er abgeschoben wird", erzählt eine Studentin dem UniStandard. Wegen einer einmaligen Fristversäumnisses wurde Oguzhans Visum nicht verlängert. Muss er vor seinem Abschluss das Land verlassen, sind alle seine Studienleistungen wertlos.

Zur Visumsverlängerung ist jährlich ein Nachweis des Unterhalts und des Studienerfolgs notwendig. Ob es Entschuldigungsgründe für eine versäumte Frist oder eine geringere Studienleistung gibt, liegt im Ermessen des zuständigen Referenten, teilte man dem UniStandard auf der Hotline der MA 35 mit.

Gute Studienleistung

Oguzhan kommt 2004 von der Türkei nach Österreich. Die ersten zwei Jahre belegt er erfolgreich Deutschkurse, wie vorgeschrieben. Er beginnt auf der Boku zu studieren und wechselt später zur Politikwissenschaft. Das Rektorat bestätigte auf Anfrage der ÖH Uni Wien, dass in seinem Fall seit Inskription eine gute Studienleistung vorliegt.

Als im Oktober 2008 eine Verlängerung seines Visums ansteht, kann er allerdings nur zwei Wochenstunden vorweisen. Er bittet schriftlich um eine Fristverlängerung. Er will die nächstmöglichen Prüfungstermine wahrnehmen.

Akt bei Fremdenpolizei

Als er seinen Leistungsnachweis bei der MA 35 abgibt, erfährt er, dass sein Akt inzwischen an die Fremdenpolizei weitergegeben wurde, weil Oguzhan nicht auf die Schreiben vom Magistratsamt reagiert hat. Er wohnte für einige Wochen bei einem Bekannten, der sich um ihn kümmerte, da er sich eine schwere Knieverletzung zugezogen hatte.

2009 wird er erstmals von der Fremdenpolizei festgehalten. Oguzhan versucht seine Situation zu erklären, doch die Beamten sagen ihm, er müsse das Land verlassen. Mithilfe eines Anwalts trifft er eine Abmachung mit der Fremdenpolizei: Er bekommt die nötige Zeit für seinen Abschluss, danach muss er zurück in die Türkei. Letzte Woche wurde er kurz vor einer Prüfung trotzdem für drei Tage festgenommen. Der Anwalt klagte die Polizei und riet ihm, einen Asylantrag zu stellen, um etwas Zeit zu gewinnen.

Oguzhan kennt etliche Türken, die - teilweise kurz vor ihrem Abschluss - wegen einer versäumten Frist in die Türkei zurückgeschickt worden sind.

Kein Bewusstsein

"An der Uni herrscht kein Bewusstsein für die Probleme von Studierenden aus Nicht-EWR-Staaten" erzählt Flora Eder, ÖH-Vorsitzende der Uni Wien. "Etwa einmal pro Woche kommt jemand zu uns, der Probleme mit den Fristen hat. Viele wissen aber gar nicht, dass sie sich an uns wenden können." "Die meisten sind ja ohne Familie da. Man wird plötzlich verhaftet, und niemand bekommt es mit", erzählt Oguzhans Studienkollegin. Auch der Personalmangel an der Uni bringt Nicht-EWR-BürgerInnen in erhebliche Schwierigkeiten, so die ÖH. Die Bearbeitung ausländischer Dokumente dauert oft Monate.

Nach seinem ersten Kontakt mit der Fremdenpolizei begann Oguzhan eine Therapie. "Ich bekam Angst vor Österreichern" erzählt er, "ich habe mit meinen österreichischen Freunden gebrochen. Ich habe niemanden getötet und nicht mit Drogen gedealt. Studieren in Österreich heißt für mich schuldig sein." (Jakob Kraner, DER STANDARD; Printausgabe, 7.10.2010)

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    Drittstaatsangehörige, die in Österreich studieren wollen, müssen etliche Auflagen erfüllen. Wer die Frist verpasst, muss gehen.

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