Der freundliche Staat im türkischen Staat

5. Oktober 2010, 18:33
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Ein Polizeichef schrieb über die Unterwanderung des Sicherheitsapparats durch den Prediger Gülen

Istanbul - Eine junge Türkin erzählt eine seltsame Geschichte, die ihr vor ein paar Wochen in Istanbul passiert ist: Die Studentin meldet sich in einem Fitnessstudio an. Ob sie von "Nur" komme, fragt der Mann an der Rezeption beiläufig. Die junge Frau versteht zuerst nicht. Nein, sie komme aus Fatih, sagt sie, dem Stadtteil, in dem sie wohnt und wo das Studio liegt. Doch der Angestellte am Empfang meinte etwas anderes: die halb im Verborgenen arbeitende Bewegung von Fethullah Gülen, dem Islamprediger, der sich auf die Lehren seines Ziehvaters Said-i-Nursi stützt. Das Fitnessstudio ist offenbar Gülen-Land.

Auch ein türkischer Polizeichef hatte etwas über Gülens Parallelwelten zu berichten. Er sitzt nun aber in Haft. Polizei, Sicherheitsdienste und Teile der Justiz in der Türkei seien von der Gülen-Bewegung unterwandert, schrieb Hanefi Avci in einem Skandalbuch. Bis vor kurzem war er Chef der Sicherheitsbehörden in Eskisehir, einer Stadt auf halbem Weg zwischen Istanbul und Ankara. Weil die Regierung seine Warnrufe nicht hören wollte, habe er alles in ein 600-Seiten-Buch gepackt, erklärte er.

Jetzt wird dem 54-Jährigen zur Last gelegt, er helfe einer bewaffneten linken Splittergruppe in der Türkei; deren Existenz ist allerdings zweifelhaft. "Alles läuft so, wie ich es in meinem Buch beschrieben habe", ließ Avci diese Woche über seinen Anwalt aus dem Gefängnis bestellen, "das ist eine Operation der Gülen-Bewegung."

Avci selbst ist kein unbeschriebenes Blatt im Polizeidienst. Seine Karriere begann mit dem Militärputsch 1980, in den Kurdenstädten im Südosten verhörte Avci angebliche Extremisten. Mit einigen seiner Folteropfer traf er sich Jahre später und brachte die Pressefotografen gleich mit. In seinem Buch beschreibt der Polizeioffizier eine schleichende Übernahme der Sicherheitsapparate durch gleich gesonnene Personen, die ihre Anweisungen "von anderen Stellen" erhielten.

Schmuggel und Intrigen

Die "cemaat", die Gülen-Glaubensgemeinschaft, habe so im Lauf der vergangenen zehn Jahre unwillige Beamte durch Intrigen aus dem Weg geräumt, innerhalb der Polizei unter anderem die Direktion für Schmuggelbekämpfung und Teile der geheimdienstlichen Aufklärung übernommen. "Wir arbeiten nicht mehr mit Freunden und Kollegen zusammen, sondern mit Gruppenmitgliedern, die einer Ideologie verpflichtet sind", behauptet Avci, der selbst einmal Gülen nahestand und seine Kinder in eine der Privatschulen der Bewegung schickte.

Fethullah Gülen hatte jahrzehntelang als tränenreicher Prediger in Moscheen gewirkt und gestützt auf Spenden ein stetig wachsendes internationales Netz an Schulen und Krankenhäusern aufgebaut. Seit 1999 lebt er in den USA. Seine Gegner sehen in dem heute 69-Jährigen eine Art türkischen Khomenei, Gülen selbst vertritt in Reden und Büchern einen friedliebenden Islam. Die amerikanische Soziologin Helen Ebaugh schätzt seine Gefolgschaft in der Türkei auf zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung und weltweit nochmals auf acht bis zehn Millionen Menschen.

Türkische Geschäftsleute und auch einfache Angestellte, so Ebaughs Erkenntnis, geben im Durchschnitt zehn Prozent ihres Jahreseinkommens an Gülen-nahe Einrichtungen und finanzieren so etwa Stipendien für Studenten, die sich dann der Bewegung anschließen. Gülens Anhänger unterhalten mit Zaman eine der größten Tageszeitungen der Türkei, die Bank Asya, TV-Sender, eine Nachrichtenagentur und eine humanitäre Organisation, die zuletzt 16 Millionen Dollar im Jahr an Spenden einnahm. Was es nicht gibt: Mitgliederlisten und Organigramme. (mab/DER STANDARD, Printausgabe, 6.10.2010)

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