Rundschau: Der große Tschernobyl-Hoax

    16. Oktober 2010, 10:24
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    Parallele Welten unter anderem von China Miéville, Adam Roberts, John Twelve Hawks, Ted Chiang und Terry Pratchett

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    coverfoto: manhattan

    Terry Pratchett: "Der Club der unsichtbaren Gelehrten"

    Kartoniert, 507 Seiten, € 18,50, Manhattan 2010.

    In der inoffiziellen Gruppierung nach Hauptfiguren würde der aktuelle Scheibenwelt-Roman (2009 als "Unseen Academicals" erschienen) wohl als "Zauberer-Geschichte" geführt werden. Zumindest sind aus dem über die Jahrzehnte hinweg kontinuierlich angewachsenen Ensemble wiederkehrender Charaktere diesmal Mustrum Ridcully, polternder Erzkanzler der Unsichtbaren Universität, und seine rechte Hand Ponder Stibbons diejenigen, die den größten Erzählraum bekommen. Stibbons ist wie gehabt die Stimme der Vernunft an der Universität - einem Ort, wo diese naturgemäß in der Regel ungehört verhallt. Im aktuellen Roman setzt Stibbons allerdings ein Thema auf die Agenda, das sich nicht ignorieren lässt: Ein altes Dokument zeigt, dass ein Teil der Stiftungsgelder, aus denen sich die UU finanziert, nicht mehr ausbezahlt wird, wenn die Zauberer nicht in regelmäßigen Abständen ein Fußballspiel austragen. Eine kurze Kalkulation ergibt Grauenhaftes: Die tägliche Käseplatte würde dann nur mehr drei Sorten umfassen - das schreckt die robentragenden Couch Potatoes effektiver hoch als jeder drohende Weltuntergang.

    Doch sind die eigentlichen Hauptfiguren von "Der Club der unsichtbaren Gelehrten" andere, neue - und damit wechseln wir, wortwörtlich, vom Ober- ins Untergeschoss Ankh-Morporks. Da wäre zum Beispiel Glenda Zuckerbohne, Nachtköchin an der UU - drall, patent und nie um einen helfenden Ratschlag verlegen; nur in Liebesdingen beruht ihr ganzer Erfahrungsschatz auf den Romanschnulzen, die sich unter ihrem Bett stapeln. Glendas Helferin Juliet Stollop ist das exakte Gegenteil: So hinreißend schön, dass sie selbst als gefälschtes Zwergen-Model - mit Bart! - Aufsehen erregt; bedauerlicherweise aber auch ein ausgemachter Airhead. Straßenkicker Trev Likely, selbst keine Säule der Gesellschaft, stört Juliets schlichtes Gemüt nicht - problematischer scheint es da schon, dass die Likelys und die Stollops verfeindeten Fußball-Clubs angehören: Romeo und Julia im Trikot. Trev und sein Kumpel Nutt stehen als diejenigen, die die Kerzen der Zauberer mit schöner Tropfenbildung versehen, auf der zweituntersten Stufe der beruflichen Hierarchie (darunter gibt es wirklich nur noch die Dochttaucher ...) - nicht von ungefähr werden Wege zum sozialen Aufstieg zu einem der Kernthemen des Romans. Wofür der kleine (manchmal aber seltsam groß wirkende) Nutt, der mangels greifbarer Spezieszuordnung von allen als "Goblin" betrachtet wird, zumindest geistig gerüstet scheint: Er saugt Wissen auf wie ein Schwamm, verarbeitet es und verblüfft seine Umgebung mit akademischer Ausdrucksweise. Die steht übrigens in starkem Kontrast zur überraschend derben, oft auch zotigen Sprache des Romans - ob diese nun eher am neuen Übersetzer liegt oder daran, dass wir endlich mal ausführlich die morporkische Unterschicht kennenlernen, bleibt offen.

    "Der Club der unsichtbaren Gelehrten" enthält viele ernsthafte Züge. Da kommt Glenda, die "Karriere" nur als etwas für Leute, die an keiner Arbeit festhalten können, sieht, ins Grübeln darüber, ob ihre Ratschläge in Sachen vernünftiger Berufswahl Juliet die Zukunft verbauen. Und schlimmer noch: Ob ihre ständige Bereitschaft für Juliet einzuspringen dazu beigetragen hat, Juliet dumm zu halten. Endgültig einen Kloß im Hals verspürt man, wenn Nutt anderen unverblümt die bange Frage seines Lebens stellt: "Bin ich etwas wert?" - Die Scheibenwelt hat seit dem 1983 erschienenen "The Colour of Magic" in der Tat einen weiten Weg zurückgelegt. Musste sie auch, sonst wäre sie nicht zur erfolgreichsten Fantasy-Serie der Welt aufgestiegen, sondern binnen kurzem in ihrer eigenen Selbstverarschung implodiert.

    Auch im gewohnten Pratchett'schen Aphorismen-Ausstoß scheint sich ein wachsendes Bedürfnis auszudrücken, etwas Wahres, Dauerhaftes zu sagen. Was in ironischen Formulierungen natürlich immer noch am besten kommt - etwa wenn es um reißerische Presseberichterstattung geht: "Ich glaube wirklich, dass sie es für ihre Aufgabe halten, die Leute zu beruhigen, indem sie sie zuerst einmal darüber informieren, weshalb sie völlig aus dem Häuschen geraten und sich schrecklich Sorgen machen sollten." - Und all denen zum Trotz, die mit leichtem Snobismus darauf verweisen, dass sie die Bücher natürlich nur im Original lesen, keeeein Vergleeeeeich und so - manches Wortspiel funktioniert auch in der Übersetzung: Diese Frage ging über Stollops Verstand, ohne auch nur das Bein heben zu müssen.

    Für humoristische Highlights sorgen neben einem chaotischen ersten Fußball-Training der Zauberer unter anderem der Nekromant Hix - "Totenbeschwörer machen's die ganze Nacht!" - mit dem vertraglich garantierten Recht auf Regelbruch und eine Zwergen-Modenschau, welche die branchenübliche Hysterie noch mit Spitzhacken, Presslufthämmern und loderndem Schmiedefeuer kombiniert. Nicht zu vergessen der Chor der Universität, der eine Händel-artige Lobpreisung auf den Star-Kicker des UU-Teams einstudiert, ehe sich während des Spiels dann doch "Ein Makaronah, es gibt nur ein Makaronah, ein Makarooo-naaah!" durchsetzt. Dass der Besungene auf vollständige Nennung aller seiner Titel besteht, was im Endeffekt eine ganze Seite einnimmt, bremst den Stadionjubel allerdings erheblich.

    Womit wir beim eigentlichen Thema des Romans wären: Fußball. Dass Tritt-den-Ball, ein blutiges Massen-Gerangel, in den Straßen Ankh-Morporks allgegenwärtig ist, erfahren wir zwar erst aus diesem Roman. Im Sachbuch "The Folklore of Discworld" ist Terry Pratchett jedoch schon einmal auf die wüsten Vorläufervarianten des Fußballspiels in unserer Welt eingegangen. Dass dies im aktuellen Roman auf eine Art Kulturkampf zwischen dem Straßenfußball und der neuen - angeblich aber auf uralten göttlichen Gesetzen beruhenden - Elf-gegen-Elf-Variante hinausläuft, wird niemanden überraschen. Pratchett, der immer wieder den "Fluss der Meme" zwischen Rund- und Scheibenwelt betont, greift damit ein aktuelles Thema auf. Ob FC Liverpool oder Schalke 04, der grundlegende Konflikt zwischen denen, die an den "Wurzeln" des Fußballs festhalten wollen, und der fortschreitenden Kommerzialisierung des Sports und seiner Entwicklung hin zum lukrativen Massen-Entertainment ist überall derselbe. Der Fußball befindet sich im Umbruch - erst recht, wenn die Politik ins Spiel kommt (wie hier, wo ein Lord Vetinari wieder mal ganz eigene Pläne hegt). Das Erstaunliche an "Der Club der unsichtbaren Gelehrten" ist, dass der Roman dabei zu keiner klaren Conclusio kommt - wie er, man muss es leider sagen, insgesamt etwas zerfasert. Von der Grundidee her mag sich mancher an die früheren Romane "Voll im Bilde" ("Moving Pictures") und "Rollende Steine" ("Soul Music") erinnert fühlen. Bei diesen war Pratchetts Linie aber klar: Moderne Mythologien - Hollywood und Rock-Musik - sind mit den alten inkompatibel, gefährden die Fundamente der Fantasywelt - und werden entsorgt. Und der Fußball? Das entscheide jeder nach dem Lesen selbst.

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