Rundschau: Der große Tschernobyl-Hoax

    16. Oktober 2010, 10:24
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    Parallele Welten unter anderem von China Miéville, Adam Roberts, John Twelve Hawks, Ted Chiang und Terry Pratchett

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    coverfoto: subterranean press

    Ted Chiang: "The Lifecycle of Software Objects"

    Gebundene Ausgabe, 150 Seiten, Subterranean Press 2010.

    "Ohne Herz wären wir nur Maschinen." - Dieser Satz aus der Autowerbung geht mir derzeit nicht mehr aus dem Sinn. Was sich deutlich angenehmer anfühlt als beim idiotischen "Zähm die Straße!", rührt es doch an eine der Grundfragen der Science Fiction: Ab wann darf/muss etwas künstlich Geschaffenes als lebendig betrachtet werden - und ab wann gar als intelligent? Ted Chiang, der vielleicht beste Kurzgeschichten-Autor unserer Tage, zieht stets eine wissenschaftliche Theorie oder Methode als Ausgangspunkt für eine Erzählung heran, die das Thema dann in allen Details und Konsequenzen beleuchtet. In "The Lifecycle of Software Objects", Chiangs bislang längstem Werk, ist es der Turing-Test.

    In Jahressprüngen und entlang einer dezent im Hintergrund bleibenden Liebesgeschichte schildert Chiang das Aufwachsen einer neuen Spezies, der im virtuellen Raum von "Data Earth" existierenden digients. Ana Alvarado wollte als Kind Dian Fossey und Jane Goodall nacheifern - bis zur Zoowärterin hat sie es immerhin gebracht. Über den zweiten Bildungsweg gelangt sie in die Software-Industrie und zum Unternehmen Blue Gamma, das digients entwickelt. Für deren Design ist Derek Brooks zuständig - seiner Kreativität entspringen unter anderem die Panda-Zwillinge Marco und Polo, das Löwenbaby Lolly und der Steampunk-Roboter Jay (das Buch enthält übrigens eine Reihe sehr hübscher Illustrationen). Sie alle lernen wir als virtuelle Babies kennen und verfolgen über die Jahre hinweg ihre Reifung zu eigenständigen Persönlichkeiten. Ein zentrales Element der Novelle ist, dass diese Entwicklung nicht in einem hermetisch abschlossenen Labor stattfindet, sondern in der Öffentlichkeit. Schließlich geht es von Anfang an um kommerzielle Verwertbarkeit: KundInnen sollen die digients kaufen und sich an ihrer "Elternrolle" erfreuen - die gemeinsame Online-Erziehung wiederum nimmt Einfluss auf den Fortgang des Projekts. Man tauscht sich in Diskussionsforen aus - und bildet eine Selbsthilfegruppe, als dem langsam veralternden "Data Earth" die NutzerInnen davonlaufen. Für das neue Ding "Real Space" aber sind Jay & Co nicht kompatibel - die schnelle Abfolge von Moden und Technologien im IT-Bereich droht für sie buchstäblich zum Ende der Welt zu werden.

    "The Lifecycle of Software Objects" ist beileibe kein Action-lastiges Werk. Was es so faszinierend macht, ist der Entwicklungsprozess der virtuellen Wesen, der manchmal frappant dem menschlicher Kinder ähnelt, dann aber wieder krass davon abweicht. Als Lolly zur allgemeinen Verblüffung zum ersten Mal das Wort "Fuck!" äußert, gibt das 1:1 die Erfahrung zahlloser Elternpaare mit ihren Sprösslingen wieder. Die Reaktion darauf sieht freilich anders aus: Per roll back werden Lollys Erfahrungen bis zum Aufschnappen des F-Worts gelöscht ... leider geht dadurch auch einiges Neuerlerntes verloren, an dem sich die menschlichen ZuschauerInnen zuvor noch entzückt hatten. Chiang wertet niemals, sondern schildert in sachlicher und ein wenig melancholischer Weise, was technisch möglich ist und was die Folgen sind, wenn man es anwendet. Was kurz darauf eine rührende Szene noch deutlicher macht, wenn Marco und Polo von einem geschwisterlichen Streit so mitgenommen sind, dass sie selbst um einen roll back bitten, um wieder unbeschwert miteinander umgehen zu können. Am Ende werden wie bei jedem anderen Erziehungsprozess auch die "Eltern" akzeptieren müssen, dass ihre "Kinder" eigene Entscheidungen treffen dürfen. Selbst wenn sie mit diesen nicht einverstanden sind. Selbst wenn es um das Angebot eines Unternehmens geht, das den digients den Datentransfer in den "Real Space" finanziert, wenn sie Kopien ihrer selbst für virtuellen Kuschelsex zur Verfügung stellen. "How else are you going to raise the money you need?" - How many women have asked themselves the same question, Ana wonders. "So it's the oldest profession." Doch muss sie zur Kenntnis nehmen, dass ihre Schützlinge anders gewichten.

    In der Kurzgeschichte "Liking What You See: A Documentary" wog Ted Chiang das Für und Wider einer Gehirnoperation, durch die man andere Menschen nicht mehr als "schön" oder "hässlich" bewerten kann, anhand fiktiver Interview-Aussagen von BefürworterInnen und GegnerInnen des Eingriffs ab. In "Lifecycle" fließt diese stilistische Taktik in abgemilderter Version in Form der E-mail-Diskussionen der digient-Eltern ein. Die Erzählform wird dadurch nicht gestört: Chiangs Kurzgeschichten hatten ohnehin stets den Charakter einer gelungenen Illustration eines Postulats - ob es sich nun um das Selbstkonsistenzprinzip bei Zeitreisen handelt ("The Merchant and the Alchemist's Gate") oder die Konsequenzen eines Lebens in einem geschlossenen Universum ("Exhalation", "Tower of Babylon"). Der Mann würde einen guten Lehrer abgeben! 

    Ted Chiang erteilt in "Lifecycle" der naiven SF-Vorstellung eine Absage, dass man eine KI einfach einschalten kann. Wirkliche Intelligenz muss über einen langen Zeitraum erworben werden. Wenn natürliche und künstliche Intelligenzwesen einander so grundlegend ähneln, muss sich dies aber auch im Umgang mit ihnen niederschlagen. Obwohl die Hälfte der Hauptfiguren Software-Geschöpfe sind, entspinnt sich hier also eine zutiefst menschliche Geschichte ... womit die eingangs aufgeworfene Frage zu einer Antwort findet: Formuliert von Ana, als sie ein weiteres "unmoralisches Angebot" für ihre digients erhält: They want something that responds like a person, but isn't owed the same obligations as a person, and that's something she can't give them. No one can give it to them, because it's an impossibility.

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