Der Bruch der Wirklichkeit

3. Oktober 2010, 17:13
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Bregenz: Uraufführung der Bühnenfassung von Arno Geigers Romans "Schöne Freunde" am Vorarlberger Landestheater

Bregenz - Ein Grubenunglück steht am Beginn der Geschichte des jungen elternlosen Carlo Kovacs in Arno Geigers Roman Schöne Freunde. In einer Welt ohne genaue Zeit- und Ortsangabe trifft dieses Unglück ein Bergwerksdorf schwer. Die Überlebenden treten eine Schiffsreise ohne genaues Ziel an. In assoziativen Geschichten und lockeren Bruchstücken entspinnt sich eine lose Erzählung. Carlo Kovacs' wichtigste Bezugsperson ist der Direktor des Bergwerks, eine Art Ersatzvater.

Carlo taucht über ihn und andere Bewohner des Dorfes von der Kindheit in die Erwachsenenwelt ein. Er erkundet ihre Sprache und ihr Verhalten, wobei der rätselhafteste aller Sätze "Ich liebe dich" ist. Arno Geigers Buch kreist in Erinnerungsfragmenten um die Vergangenheit. Begriffe wie "einmal (was ist einmal?)", "irgendwann", "in Zukunft" sind dabei ebenso zentral wie bildhafte Ausdrücke, die Erwachsene verwenden und die sich der junge Carlo aneignet. Bruchstückhafte Szenen und eingeschobene Episoden erzählen ganz nebenbei vom Dorfleben und von den einzelnen Charakteren, die dieses Dorf bewohnt haben.

Es ist schwierig, einem derart poetischen Text, wie Geigers Romanvorlage einer ist, mit einer dramatisierten Fassung auf der Bühne gerecht zu werden. Das Vorarlberger Landestheater hat es unter der Regie von Alexander Kubelka und Paul Lerchbaumer versucht, was leider nur zum Teil gelungen ist.

Der Besucher taucht ein in die magische, vage und wunderliche Welt des Carlo Kovacs, hervorragend gespielt von Martin Olbertz und Andreas Jähnert. Carlo führt als Erzähler durch die Geschichte. Er monologisiert über weite Strecken hinweg, während im Hintergrund gespielt wird, wovon er berichtet. Was teilweise aufgeht und witzig wirkt, ermüdet recht schnell angesichts der Länge des Stückes. Auch einigen Schauspielern wird die ungeheuere Textlast öfter zum Verhängnis, eine Straffung der Handlung hätte gutgetan.

Wer die Romanvorlage kennt, wird mit der Umsetzung der Figuren nicht glücklich sein. So hat etwa die Darstellung Frau Doktor Grüneisens als platinblonde rauchende Tussi überrascht. Auch der im Buch so zentral wirkende Direktor scheint auf der Bühne zu einer großteils stummen Nebenfigur verkommen zu sein.

Wie ein Hörbuch

Episodisch spult das Stück die Romanvorlage ab und wirkt dabei streckenweise wie ein Hörbuch, bei dem die Handlung mehr erzählt als gespielt wird, wobei trotzdem immer wieder schöne Bilder entstehen, was nicht zuletzt am hervorragenden Bühnenbild liegt. "Die Erinnerung ist wie ein Kartenhaus, das in sich zusammenbricht." Genau das ist auch das Bühnenbild von Paul Lerchbaumer am Landestheater: ein schmuckloses, stilisiertes graues Haus, das auf den ersten Blick wie eine Wand wirkt, die große Teile der Bühne verdeckt.

Nach und nach stellt sich dieses erst langweilig wirkende Haus als gefinkelte Kulisse heraus. Mit dem radikalen Bruch der Wirklichkeit durch das schwere Grubenunglück beginnt die Realität auseinanderzureißen. Die Wände des Hauses brechen auseinander, formieren sich neu, zu einer Grube, zu einem Zimmer oder zu einem Schiff, bis das Kartenhaus auseinanderbricht und von innen nach außen gestülpt dasteht.

Die zweite Hälfte des Stücks zieht sich und ist untermalt von gähnendem Publikum. Der freundliche Premierenapplaus ist dementsprechend verhalten. Obwohl Licht, Bühne, Darsteller und einige Szenen durchaus gelungen sind, ist es eben doch so, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist - leider. (Raffaela Rudigier / DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2010)

 

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    Tamara Stern, Stephanie Brenner, Alexandra Maria Nutz und Katrin Hauptmann in 'Schöne Freunde'

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