Bordspiele

1. Oktober 2010, 19:17
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Karibik. An Deck der Jacht "Felix Austria" ...

(Karibik. An Deck der Jacht "Felix Austria", auf dem mit Kreide ein vier mal drei Meter großes Rechteck eingezeichnet ist, die Kinder Grasser, Meinl fünf und Flöttl junior (männlich) sowie Bandion-Ortner (weiblich). Die Knaben laufen und springen übermütig innerhalb des Rechtecks herum und werfen dabei Bündel Euro- und Dollarscheine in die Luft oder über Bord. Bandion-Ortner sitzt auf dem Dach des Deckshauses und beobachtet sie aufmerksam. Aus dem Unterschiff hin und wieder Klopfzeichen. Vierzig Sekunden.)

BANDION-ORTNER: Staatsanwalt!

(Die Knaben erstarren, setzen oder legen sich so rasch wie möglich hin, pfeifen, bohren in Nasen oder Ohren oder tun, als ob sie schliefen. Zwanzig Sekunden.)

BANDION-ORTNER: Weisung erteilt!

(Die Knaben entspannen sich, stehen auf und spielen wie oben. Eine Minute.)

BANDION-ORTNER: Untersuchungsrichter!

(Die Knaben erstarren, werfen sich zu Boden und verhalten sich unauffällig wie oben. Zwanzig Sekunden.)

BANDION-ORTNER: Wegen Befangenheit abgelehnt!

(Die Knaben entspannen sich, stehen auf und spielen wie oben. Zehn Sekunden, dann:)

GRASSER: Übertreten! Der Meinl fünf hat übertreten!

MEINL FÜNF: Gar nicht!

GRASSER: Wohl!

MEINL FÜNF: Ich habe die Linie gar nicht berührt!

BANDION-ORTNER (streng): Keine Beeinflussung! Ich entscheide! Meinl fünf, übertreten! Herkommen, Fußfessel!

(Meinl fünf schleudert wütend ein Geldbündel ins Meer und geht zu ihr. Ein Band aus Swarovski-Steinen wird um sein Fußgelenk gebunden.)

FLÖTTL JUNIOR (höhnisch): Schaut super aus! Sicher urteuer. (Er springt noch übermütiger herum und versucht, mit Geldbündeln zu jonglieren. Die Bündel fallen ins Meer.)

BANDION-ORTNER (zu Meinl fünf): Du weißt, noch einmal übertreten, und du sitzt beim Elsner. (Die Klopfzeichen lauter.) Ruhe! (Wieder zu Meinl fünf:) Klar?

MEINL FÜNF: Klar.

(Er geht zurück zu den anderen. Sie spielen weiter. Vierzig Sekunden. Die Kajütentür knarrt.)

BANDION-ORTNER (erschrickt. Wild gestikulierend): Papa! Papa!

(Alle bleiben stehen und lassen die Geldbündel in ihrer Kleidung verschwinden. Die Tür wird geöffnet. Ein alter Herr erscheint.)

DIE KINDER (heiter): Hallo, Papa!

PAPA: Grüß euch, Kinder. Spielt ihr schön?

DIE KINDER: Jaa!

PAPA: Fein. Aber, sagt einmal... Wisst ihr vielleicht... Mir kommt vor, es fehlt Geld... Habt ihr eine Ahnung, wo es sein könnte?

BANDION-ORTNER (mit Rehaugen): Na, das hat doch der Elsner genommen! Deswegen haben wir ihn ja eingesperrt, weißt du nicht mehr? (Die Klopfzeichen lauter.) Kusch!

PAPA: Schon schon, ja... Aber mir kommt vor, es fehlt mehr.

(Die Kinder schweigen betreten. Zwölf Sekunden, dann:)

BANDION-ORTNER (in Tränen ausbrechend): Der Flöttl junior war's! Der Flöttl junior hat es verspekuliert!

MEINL FÜNF (zeigt auf Flöttl junior): Ja, genau, er war's!

PAPA (zu Flöttl junior): Stimmt das?

(Flöttl junior blickt hilfesuchend zu Grasser. Grasser bedeutet ihm zuzustimmen.)

FLÖTTL JUNIOR (nickt betreten)

PAPA (seufzt): Verspekuliert, soso... Schade drum... Aber, naja... Das ist höhere Gewalt, da kann man nichts machen... Also dann... Auf Wiedersehen, Kinder!

(Er verschwindet in der Kajüte. Die Kinder spielen weiter. Vorhang.)
(Antonio Fian / DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.10.2010)

 

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