Das Immunsystem austricksen

3. Oktober 2010, 18:22
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Grazer Mediziner starten Diabetes-Studie mit hohen Vitamin-D-Dosen

Der Typ-1-Diabetes ist seit langem bekannt und mittlerweile mit künstlichem Insulin gut behandelbar. Über die Ursachen dieser Erkrankung gibt es bis heute nur Spekulationen: Als mögliche Auslöser werden Virusinfektionen genauso diskutiert wie übermäßiger Konsum von Fastfood, Vitamin-D-Mangel in sonnenarmen Ländern und auch der zu rasche Umstieg von Muttermilch auf Säuglingsnahrung, die Kuhmilch enthält.

An der Medizinischen Universität Graz versucht man nun, bei der Vitamin-D-Theorie anzusetzen. Der Diabetologe Thomas Pieber will Typ-1-Patienten zwischen sechs und 35 Jahren, deren Diabetes-Erkrankung erst vor kurzem aufgetreten ist, hohe Vitamin-D-Dosen verabreichen. Genau genommen handelt es sich um die Vorstufe dieses Vitamins, 25-Hydroxy-Vitamin D genannt, die ziemlich leistungsstark sein dürfte: Dieser Botenstoff soll die Immuntoleranz dramatisch verbessern und könnte dadurch jenen Zerstörungsprozess unterbrechen, der beim Neuauftreten des Typ-1-Diabetes beginnt: Das körpereigene Immunsystem hält die Insulin produzierenden Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse für Fremdkörper und zerstört sie.

Schutz vor Immunattacke?

Pieber erzählt von deutlichen Verbesserungen der Immuntoleranz bei gesunden Testpersonen und erhofft sich eine entsprechende Wirkung bei Diabetikern. "Wir glauben, dass die Zerstörung der Beta-Zellen zumindest teilweise gestoppt werden kann." Ob sogar eine Heilung des Typ 1 möglich sei, die Beta-Zellen also langfristig vor der Immunattacke geschützt werden können, wagt er nicht zu sagen. "Das wird man erst nach einigen Jahren feststellen können. Im Normalfall merkt sich das Immunsystem alles." Ob man es auf Dauer austricksen könne, werde sich zeigen.

Vieles scheint für den Therapieansatz zu sprechen: Für Pieber gilt als erwiesen, dass Diabetes Typ 1 vor allem in Ländern auftritt, wo wenig Sonnenlicht zum Vitamin-D-Mangel führt. Außerdem seien auch bei der hochdosierten Zufuhr der Vorstufe des Vitamin D bisher keine Nebenwirkungen aufgetreten. Dies wäre ein großer Vorteil gegenüber anderen, international diskutierten Methoden mit Antikörpern, die zwar Beta-Zellen schützen, aber aufgrund ihrer toxischen Wirkung nicht lange verabreicht werden können. (Peter Illetschko, DER STANDARD Printausgabe, 04.10.2010)

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