"Sieg Heil" im ehemaligen KZ "ein Riesenblödsinn"

24. September 2010, 18:41
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Die Angeklagten schämen sich für ihren "Riesenblödsinn" - Einen neonazistischen Hintergrund ihrer Störaktion bei der Gedenkfeier im ehemaligen KZ Ebensee leugnen sie

Ebensee - "Skandalös", "moralisch unentschuldbar", "ein Riesenblödsinn": Für ihre "sehr dumme Idee schämen" sich auch ihre Mandanten, das stellten die Verteidiger der vier Burschen vor Gericht schon klar. Aber eine nationalsozialistisch motivierte Tat? Als die Jugendlichen am 9. Mai 2009 Besucher der Gedenkfeier im ehemaligen KZ Ebensee - darunter auch Überlebende des Holocausts - im Stollen mit "Sieg Heil, ihr Schweine" willkommen hießen und sie mit Softguns unter Beschuss nahmen, habe man nur "provozieren" und "erschrecken" wollen, so der Hauptangeklagte.

Er und seine drei Bekannten müssen sich seit Freitag vor einem Geschworenengericht in Wels wegen des Verdachts der Wiederbetätigung verantworten, es drohen bis zu fünf Jahre Haft. Alle hatten schon vor Prozessbeginn zugegeben, bei der Störaktion im Stollen dabei gewesen zu sein. Allerdings bekannten sich nur zwei schuldig. Ihre Verteidiger stellten Anträge auf Diversion.

Eigentlich traf sich der mutmaßliche Anführer, der zur Tatzeit 16 Jahre alt war, mit den beiden gleichaltrigen Freunden und einem erst 14-Jährigen bei den Stollenanlagen, um "mit den Softguns zu spielen". "Das hatten wir dort noch nie getan", berichtete der Jüngste. Warum das ausgerechnet am Tag der Gedenkfeier, diese Frage konnte er dem Richter nicht beantworten.

Auch der Hauptangeklagte will "nicht nachgedacht" haben, als er im Stechschritt Richtung Besucher marschierte, "Blood Honour" und "Die Stollen gehören uns" skandierte: "Wahrscheinlich wollte ich Aufmerksamkeit auf mich ziehen." Plötzlich hätten dann alle in dieselbe Richtung gefeuert, aber "es hat keinen Sinn gehabt", versicherte er.

Denn ein "politischer Mensch bin ich nicht", auch wenn "ich mal mit der FPÖ geliebäugelt habe". Nach seiner Festnahme 2009 stellte die Exekutive bei dem heute 18-Jährigen jedenfalls einschlägiges Material sicher: 150 Lieder mit Titeln wie "Der ewige Jud" auf dem Handy, zahlreiche Bilder aus der NS-Zeit, die der Bursche aus seinem Geschichtsbuch ausgeschnitten hatte. Für den Staatsanwalt eindeutige Hinweise auf eine "Glorifizierung der NS-Zeit". Bei den Mitangeklagten wurde die Polizei ebenso fündig. "Für ihn sei es nur "der Reiz des Verbotenen" gewesen, versicherte der heute 15-Jährige, warum er sich Neonazi-Songs aus dem Internet heruntergeladen oder mit der Softgun auf die Besucher geschossen habe. Der Prozess wird am 1. Dezember fortgesetzt.(Kerstin Scheller, DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.9.2010)

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    Die vier Angeklagten zeigten Reue: Kleinlaut berichteten sie vor den Geschworenen am Welser Landesgericht von ihrer Störaktion der Gedenkfeier im KZ Ebensee voriges Jahr.

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