Für Israels Siedler ist alles eine Frage der Ausdauer

24. September 2010, 17:41
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An diesem Sonntag endet der Baustopp für israelische Siedlungen im Westjordanland - Reportage aus Ariel

Kaum ein Bewohner erwartet, dass das Moratorium verlängert wird - trotz der Gefahr für die Friedensgespräche mit den Palästinensern.

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"Der Baustopp hat die Menschen hier schon stark getroffen - wenn jemand noch ein Kind bekommt und ein Zimmer dazubauen will und das nicht kann, dann tut das weh", sagt Chen Kedem, die Sprecherin des Rathauses von Ariel. "Und wir bekommen viele Anrufe von jungen Paaren, die in unserer Stadt leben wollen, und wir haben ihnen im Moment leider nichts anzubieten." Ariel ist mit rund 19.000 Einwohnern, Industriezone, Hochschule und Sportzentrum die inoffizielle Hauptstadt der jüdischen Siedlungen im nördlichen Westjordanland, das die Israelis Schomron (Samaria) nennen. Insgesamt 90.000 Juden, rund 40 Prozent von ihnen religiös, leben in dem steinigen Hügelland um die palästinensische Großstadt Nablus.

Die verstreuten, entlegenen, zum Teil sehr kleinen Siedlungen dieser Gegend müssten im Falle einer Friedensregelung mit den Palästinensern vielleicht geräumt werden, eben weil sie nicht zu jenen dicht bewohnten Siedlungsblöcken gehören, die sich unmittelbar ans israelische Kernland anschmiegen. Sie wären der territorialen Kontinuität eines Palästinenserstaates im Weg.

Aber niemand hier glaubt, dass es jemals so weit kommen kann, und Dani Dayan, als Vorsitzender des "Rats für Judäa und Samaria" eine Art Siedlerpräsident, ist auch völlig sicher, dass der Ausbaustopp wie angekündigt nach genau zehn Monaten vorüber sein wird, also an diesem Sonntag. "Es war ein einmaliges, befristetes Moratorium", erklärt Dayan, der 1988 eine erfolgreiche Karriere als Hitechunternehmer in Tel Aviv aufgab und in das 150 Familien zählende Siedlungsdorf Maale Schomron zog. "Wegen des innenpolitischen Drucks ist eine formale Verlängerung unmöglich."

Das bedeute aber nicht, dass plötzlich ein Bauboom einsetzen wird: Die Nachfrage nach Wohnungen in den Siedlungen sei ja auch wieder nicht so groß, dass die Siedlerzahlen jetzt sprunghaft wachsen würden, und bloß "wegen der Eigensinnigkeit der US-Administration" habe der Streit um den Baustopp jetzt "ein Ausmaß, das er nicht verdient".

Drüben in der Siedlung Schilo, die stolz auf ihre Olivenölpresse und ihren preisgekrönten Weinbau ist, kann Israel Medad, ein altgedienter Aktivist der Siedlerbewegung, den 26. September kaum erwarten. "Hier entstehen zwölf Einheiten zu je fünf Zimmern mit Panoramablick", liest er von einem Schild am Rande eines Abhangs. "Und die letzte Zeile ist für mich die wichtigste: Die Arbeiten beginnen sofort nach dem Ende des Baustopps."

Hundert Meter weiter machen sich Arbeiter an zwei Reihen von je neun Häusern zu schaffen. Einige haben schon das Dach. An ihnen wurde auch in den letzten Monaten weitergebaut, denn bei Baustopp-Beginn waren schon die Fundamente gelegt, und nach den mit den USA vereinbarten Kriterien durften begonnene Arbeiten fortgesetzt werden.

Finanzielle Anreize

Die Nachfrage nach Wohnraum in den Siedlungen hat großteils auch einfach finanzielle Gründe - junge Familien können sich hier eine eigene Wohnung oder gar ein Häuschen mit Garten leisten, was im Ballungszentrum um Tel Aviv für sie unerschwinglich wäre. Aber wer seine Zukunft ausgerechnet in diesem umstrittenen und manchmal gefährlichen Landstrich sucht, muss natürlich auch ideologisch motiviert sein.

Für Lior Schtul, der in der Siedlung Eli eine religiöse Akademie für angehende Soldaten leitet, ist alles eine Frage der Ausdauer: "Als ich herkam, gab es die Oslo-Abkommen. Man hat uns ausgelacht und gesagt, ihr braucht gar nicht erst auszupacken, ihr seid gleich wieder weg. Seither haben sich viele Premierminister abgewechselt, und wir sind inzwischen 750 Familien." Der Baustopp war in seinen Augen "nur ein Spielchen: Die palästinensischen Partner sind uns in den zehn Monaten keinen Schritt entgegengekommen. Ich glaube nicht, dass es in meiner Generation Frieden in diesem Gebiet gibt." (Ben Segenreich aus Ariel /DER STANDARD, Printausgabe, 25.9.2010)

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    Ariel ist die inoffizielle Hauptstadt der jüdischen Siedlungen im Westjordanland. An bereits begonnenen Bauten wurden die Arbeiten auch während des Moratoriums fortgesetzt.

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