Illustre Herrschaften, illustrierte Nachrichten

21. September 2010, 22:05
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Vor 120 Jahren wurden in illustrierten Zeitungen erstmals Fotografien gedruckt

Wie die Bilderflut die Zeitungswelt und die Populärkultur revolutionierte, untersucht der Fotohistoriker Anton Holzer.

Sportlich und unerhört sexy präsentierten sich die Herren vor dem Publikum, das an jenem lauen Maiabend im Jahr 1903 massenhaft ins Wiener Vorstadtlokal "Zum grünen Tor" geströmt war, um der "Männerschönheits-Konkurrenz" des österreichischen Athletenclubverbands beizuwohnen. Ein spektakuläres Ereignis, das auch in den Medien hohe Wellen schlug: Ging es hier doch nicht nur um Kraft und Sportlichkeit, sondern auch um die erotisch-ästhetische Seite des männlichen Körpers. Die größte österreichische illustrierte Wochenzeitung, Das interessante Blatt, brachte den Wettbewerb sogar auf ihrer Titelseite – und zwar mit Foto.

Bereits ein Jahrzehnt zuvor begann der Siegeszug der Fotografie in den österreichischen illustrierten Wochenzeitungen – Zeichnung, Stich oder Lithografie wurden nun verdrängt, die "seriöseren" Tageszeitungen blieben noch jahrzehntelang weitgehend bilderlos. Das neue Bildmedium hat tiefe Spuren hinterlassen: Ab den 1890er-Jahren wurden zahlreiche fotografisch illustrierte Zeitungen gegründet. Indem diese neuen Bild-Massenmedien bisher kaum öffentlich behandelte Themen aufgriffen, schufen sie auch eine neue Form von Öffentlichkeit: "In diesen illustrierten Zeitungen standen erstmals einfache, eine breite Leserschaft ansprechende Texte und vor allem Bilder im Zentrum", erklärt der Wiener Fotohistoriker Anton Holzer, der sich in seiner vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Untersuchung mit den Anfängen der österreichischen Pressefotografie bis 1938 beschäftigt.

"Diese Tendenz zur Bebilderung der Wirklichkeit", ist der Historiker überzeugt , "hat die Gesellschaft der Jahrhundertwende grundlegender verändert als so manches Ereignis der bürgerlichen Hochkultur, das im Nachhinein zur Epochenmarke hochstilisiert wurde." Jede Kulturgeschichte weise etwa darauf hin, dass 1900 Freuds Traumdeutung erschienen ist, aber die Gründung der ersten billigen Zeitung, der auflagenstarken Illustrierten Kronen-Zeitung, die im selben Jahr erstmals herauskam, werde meist nicht erwähnt. "Dabei markiert sie den Übergang von der elitären Öffentlichkeit des 19. Jahrhunderts zur Populärkultur."

Voraussetzung dafür war vor allem die Aufhebung des sogenannten Zeitungsstempels, einer hohen Zeitungssteuer, die vom Staat bis 1900 zur Meinungskontrolle eingesetzt wurde. "Erst jetzt begann die Blütezeit der Massenpresse", erklärt Anton Holzer. "Unfälle und Katastrophen, Morde, Hochzeiten, Sportereignisse und Gesellschaftstratsch wurden zu bevorzugten Zeitungsthemen."

Und das Medium dieser neuen Themen war die Fotografie. Populistische Politiker jener Zeit wie Karl Lueger haben deren Macht in Verbindung mit Massenblättern schon früh erkannt und sie geschickt für ihre politischen Zwecke genutzt. So ist es wohl kein Zufall, dass die Österreichische Illustrierte Zeitung im selben Jahr gegründet wurde wie Luegers Christlichsoziale Partei. "Die populistische Partei Luegers und die populäre Zeitung in seinem Rücken", sagt Holzer, "gingen ihren Weg gemeinsam."

Globaler Fotohandel

Mit dem Einzug der Fotografie in die Zeitungswelt entstand auch der neue Beruf des Pressefotografen, der meist freiberuflich ausgeübt wurde. Ein harter Job, da man schneller und mobiler arbeiten musste als die Kollegen im Atelier, außerdem wurde bis in die Zwischenkriegszeit noch mit großen, schweren Apparaten fotografiert.

Nach 1900 stieg der Bedarf an Bildern so stark, dass eigene Fotoagenturen gegründet wurden. Manche handelten mit Fotos aus der ganzen Welt, was sich auch auf die Berichterstattung der Zeitungen auswirkte: Sie berichteten nun vermehrt über internationale Ereignisse. Ein Problem war damals allerdings die große Zeitspanne zwischen dem Entstehen der Fotos und ihrem Erscheinen. Die Bilder von der Ermordung des Thronfolgers 1914 in Sarajevo beispielsweise konnte man erst zweieinhalb Wochen nach dem Ereignis in den Zeitungen sehen. Wien war neben Berlin das wichtigste Zentrum der deutschsprachigen Bildpresse. Handwerklich und technisch konnten die österreichischen Zeitungen mit der Metropole Berlin ohne weiteres mithalten, kommerziell jedoch immer weniger. Die Monarchie geriet vor allem aufgrund der kleineren, sprachlich getrennten Märkte ins Hintertreffen, Anzeigen und Auflagen stiegen keineswegs so rasant wie in der deutschen Hauptstadt.

Großer Bruch 1938

Zum großen Bruch in der österreichischen Medienlandschaft kam es 1938 mit der Machtübernahme der Nazis und durch den Krieg ab 1939. Jüdische Journalisten und Fotografen mussten fliehen oder wurden ermordet, im Verlauf des Krieges herrschte Papiermangel, viele der Unterhaltungsillustrierten wurden eingestellt, da man lieber in direkte Propaganda investierte. Nach 1945 fand Österreich nicht mehr Anschluss an die internationale Zeitungs- und Zeitschriftenszene. Die Avantgarde des Fotojournalismus saß nun in New York und wurde von großen Magazinen wie Life und Modezeitschriften wie Vogue und Harper's Bazaar angeführt. Bis in die 1960er-Jahre war die Fotoillustrierte weltweit das beherrschende Bild-Massenmedium, erst mit dem Aufkommen des Fernsehens erhielt es ernsthafte Konkurrenz – und fristet heute ein Nischendasein.

Mit seiner Aufarbeitung der frühen österreichischen Pressefotografie betritt Anton Holzer nicht nur medien-, sondern auch sozial- und kulturgeschichtliches Neuland, das unseren Blick etwa auf die Jahrhundertwende drastisch entmythologisieren könnte. Quasi als Nebenprodukt seiner Recherchen – die vor allem im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek stattfinden – entstehen zudem Biografien von Pionieren und Pionierinnen der österreichischen Pressefotografie.

Eine der Frauen, die in der Zwischenkriegszeit vermehrt in diesen Beruf drängten, war Trude Fleischmann. Ihr ist ab 27. Jänner 2011 im Wien Museum die Ausstellung Trude Fleischmann. Der selbstbewusste Blick gewidmet. (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 22.09.2010)

  • Männerschönheitswettbewerb in Wien, 1903. Es gewann der Student Raimund Walter (Dritter von links) vom Wiener Athlethiksportclub. Das Bild war einer illustrierten Wochenzeitung die Titelseite wert. Bereits ein Jahrzehnt vorher begann der Siegeszug der Fotografie.
    foto: anton huber

    Männerschönheitswettbewerb in Wien, 1903. Es gewann der Student Raimund Walter (Dritter von links) vom Wiener Athlethiksportclub. Das Bild war einer illustrierten Wochenzeitung die Titelseite wert. Bereits ein Jahrzehnt vorher begann der Siegeszug der Fotografie.

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