Bacher: "Unglück" Dichand, an Fellner "nichts zum Bewundern"

17. September 2010, 18:40
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Was den legendären ORF-General an Österreichs Zeitungen und Politik wirklich nervt - und was er heute von Obama und Merkel hält - Zum Nachhören

STANDARD: Im Juni dieses Jahres starb "Krone"-Boss Hans Dichand, man könnte sagen: einer Ihrer Lebensfeinde.

Bacher: Ich hielt ihn schon seit Jahrzehnten für ein österreichisches Unglück, so eine Zeitung gemacht zu haben. An dem Befund hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.

STANDARD: Lesen Sie die "Kronen Zeitung"?

Bacher: Nein.

STANDARD: Eine "Kronen Zeitung" ohne Hans Dichand...

Bacher: Kann ich mir auf Dauer nicht vorstellen.

STANDARD: Wobei ein Medium dieser Größe...

Bacher: Es dauert lang, bis so ein Riesen-Eisberg abschmilzt.

STANDARD: Sie haben in den 1950-er und 1960-er Jahren versucht, der "Krone" etwas entgegenzusetzen - den "Express". Heute versucht das Wolfgang Fellner mit "Österreich", dessen Tun Sie mit Distanz, aber auch Bewunderung verfolgt haben, schien mir.

Bacher: Bewunderung war da nie dabei.

STANDARD: Faszination vielleicht für Wolfgang und Helmuth Fellner?

Bacher: Mir imponiert ihr Draufgängertum. Auch die Unverdrossenheit, mit der sie ihre Versuche anstellen. Aber zum bewundern ist da nichts dabei. Es ist Wolfgang Fellner ja auch nicht gelungen, einen neuen Zeitungstyp zu schaffen, von dem er die ganze Zeit gesprochen hat. Das ist ein wildes Boulevardblatt, und die gibt es in London haufenweise noch wilder, in Berlin auch. Imposant finde ich ihre Lust am Tun.

STANDARD: Was fehlt ihnen im österreichischen Zeitungsmarkt? Ich nehme an, Sie sagen jetzt: eine "Süddeutsche Zeitung", eine "FAZ", eine "Neue Zürcher"?

Bacher: Das wäre vergebliches Weinen: Das finanziert der österreichische Markt nicht. Für das, was dieser Markt finanziert, sind "Die Presse", der "Standard" und "Salzburger Nachrichten" eh beachtlich. Mehr ist nicht drin, das wäre reine Wunschdenkerei.

STANDARD: Ich höre einen Anflug von Milde, das ist man von Ihnen nicht gewöhnt.

Bacher: Älterwerden muss einen Sinn haben, und die Milde gehört da sicher dazu. Mir geht an allen österreichischen Zeitungen auf die Nerven das besserwisserische Klein-Klein. An einer Sache wochenlang zu hängen. Das ist typische österreichische Kleinstaaterei. Dieser Hang, alles zur Katastrophe zu machen, was noch gar keine ist. Sich aber um grundsätzliche, ernst zu nehmende Dinge nicht zu scheren.

STANDARD: Zum Beispiel?

Bacher: Zum Beispiel um den ORF. Oder, was mich noch viel mehr interessiert: um die Bundesstaatsreform. Der Föderalismus, den wir uns leisten, ist eine Dauerolympiade im Gartenzwergesport. Das ist nicht auszuhalten. Da rechnet der Rechnungshof vor, dass da elf Milliarden Euro Ersparnis drin sind, in Schilling ist das gar nicht mehr auszudrücken. Und es wird nicht umgesetzt. Warum nicht? Weil die Beamten schwarz und die Gewerkschaften rot sind. Das Reaktionärste in Österreich sind die Beamten und die Gewerkschaften.

STANDARD: Haben Sie Kanzler und Vizekanzler auch daran erinnert?

Bacher: Nein, da ging es nur um den ORF.

STANDARD: George Bush war auch für Sie eine Katastrophe historischen Ausmaßes. Ihre Bilanz nach zwei Jahren Barack Obama? Alles gut?

Bacher: Gut noch gar nicht. Aber alles wesentlich besser, vor allem in allen Ansätzen besser. Ich habe Obama mit Überzeugung gewählt (lacht). Und ich würde ihn wieder wählen. Schon wegen des neuen Tons in der Weltpolitik, der von den USA ausgeht. Zweitens: Dass ein Schwarzer amerikanischer Präsident ist - das ist eine gesellschaftspolitische Weltrevolution. Hat man das alles in zwei Jahren vergessen?

Es gibt nichts Schwierigeres, als die Vereinigten Staaten als Präsident zu führen. Mit diesem unglaublich verkorksten politischen System, wo alles blockiert werden kann. Wo die unglaublichsten Imponderabilien auf einmal eine riesige Rolle spielen. Wo sich allen Ernstes ein Präsident verteidigen muss, dass er endlich die Schande der nicht existenten Krankenversicherung beseitigt, und das auch noch als Freiheitsraub denunziert wird. So ein Land zu führen, gehört schon allerhand dazu. Ich wünsche ihm, dass er über die nächsten Wahlen halbwegs gut drüberkommt und wir ihn so lange wie möglich haben.

STANDARD: Sie haben auch schon einen deutschen Bundeskanzler beraten, Helmut Kohl. Deutschland hat wieder einen konservativen Regierungschef, erstmals eine Regierungschefin.

Bacher: Ich habe Angela Merkel bis zu dieser unglückseligen Koalition für die bedeutendste europäische politische Figur gehalten. Ich kann jetzt nicht sagen, das tu ich nicht mehr. Was man so positiv beurteilt hat, kann nicht über Nacht zum Irrtum werden. Ich wusste nicht, wie koalitionsunfähig Guido Westerwelle und seine illusionistische Partei sind. Man hat ja das Beten gelernt, als man hörte, dass die FDP an eine große Steuerermäßigung denkt. Da greift man sich an den Kopf. Fest steht, dass sich Angela Merkel von dieser Position der Kraft und der Stärke am Gipfel eines von ihr selbst gebauten Berges schon auf dem Weg ins Tal befindet. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 20.9.2010)

GERD BACHER (84) gründete als erster ORF-Generalintendant nach dem Rundfunkvolksbegehren gegen Parteienherrschaft im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab 1967 den ORF praktisch neu. Bacher wurde als bisher einziger ORF-Chef wiedergewählt - und das insgesamt gleich viermal. Mit zwei Unterbrechungen führte er den ORF bis 1994. Da übergab er - erstmals freiwillig - an Gerhard Zeiler, heute Chef der RTL Group. Bacher wird am 18. November 85.

Nachlese: Der erste Teil des Interviews
Bacher: ORF-Gesetz "eine der größtmöglichen Katastrophen"

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    Gerd Bacher im Jahr 2008, hier ausgezeichnet für sein Lebenswerk anlässlich der Auszeichnung "Journalisten des Jahres".

  • Bacher über Dichand

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  • Bacher über die Brüder Fellner

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  • Bacher zur Frage, was der österreichischen Medienlandschaft fehlt und über die "Dauer-Olympiade im Gartenzwerge-Sport"

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