Streitverlängerungsstrategie nach Scheidungen?

16. September 2010, 23:07
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Frauenprotest gegen gemeinsame Obsorge per Gesetz - Von Christa Pölzlbauer

Menschen, die eine Scheidung hinter sich haben, trennen sich meist, weil sie nicht mehr miteinander können. Nun soll der Streit verlängert werden. Und die Streitobjekte sind die Kinder. Sie ängstigen sich, wenn Eltern streiten, sie können seelische Störungen erleiden, sie wünschen sich inständig, dass dieser Kriegszustand beendet wird. Wenn es aber nach der Justizministerin geht, soll es offenbar kein Kriegsende geben.

Man kann sich des Eindrucks nicht verwehren, dass es bei der geplanten gesetzlichen Fixierung einer automatischen gemeinsamen Obsorge keinesfalls um das Wohl der Kinder und der alleinerziehenden Mütter und Väter geht, sondern vielmehr um eine Wiedereinführung patriarchaler Rechte. Eltern, die sich nach der Scheidung gemeinsam um ihre Kinder kümmern, brauchen kein Gesetz, sondern wirksame Unterstützung seitens der Jugendämter und Fürsorge-Institutionen. Das Gleiche gilt auch für Eltern, die miteinander im Streit sind und das auf Kosten des Wohlergehens ihrer Kinder austragen.

Erfahrungsgemäß nimmt die Gewaltspirale kein Ende wenn Mütter sich trennen wollen bzw. müssen, weil Männergewalt das Beziehungsleben zerstört hat. Nun wirft Frau Bandion-Ortner Frauenorganisationen vor, dass sie nur von einzelnen Extremfällen reden. Tatsache ist jedoch, dass jährlich knapp 7000 Wegweisungen 2009 waren es 6731) seitens der Polizei ausgesprochen werden müssen und schätzungsweise über 10.000 Kinder von Gewalt betroffen sind.

In Wien waren laut Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie 2009 allein 3730 Kinder von Gewalt mitbetroffen. Wenn wir die Kinder dazurechnen, die jährlich in Frauenhäusern leben und jene die nirgends aufscheinen oder Hilfe erhalten, können wir von einer noch viel höheren Zahl ausgehen. Gewalt in der Familie alltägliche und traurige Realität und kommt nicht selten vor.

Selbst bei der derzeitigen Regelung wird die direkte und indirekte Betroffenheit von Kindern seitens der Jugendwohlfahrt und Gutachter/-innen kaum berücksichtigt. Oft sind Kinder gezwungen mit dem gewaltbereiten Elternteil weiter zusammenzuleben und in Kontakt zu bleiben.

Eine automatische gemeinsame Obsorge in der angedachten Form hilft daher niemandem.

Alleinerziehende haben in der Regel keine Lobby, keine Macht und wenig Geld. Dafür haben sie die Lasten eines vielfältigen Alltags mit Kindern zu tragen. Viele Entscheidungen sind zu treffen, die umso schwieriger werden, je schlechter die getrennten Eltern miteinander auskommen.

Begrüßenswert wären vor diesem Hintergrund daher alle Maßnahmen, die es Eltern, die sich in einer Konfliktsituation befinden (und das sind die meisten, sonst würden sie sich ja nicht trennen!) ermöglichen, eine für die Kinder sinnvolle und gewaltfreie gemeinsame Versorgung zu leisten. Ein über die Köpfe der Alleinerzieher/-innen erlassenes Gesetz ist hier fehl am Platz.

Experten, die seit Jahren mit Alleinerziehenden arbeiten, verweisen auf drei Vätergruppen:

1. die große Gruppe jener Väter, die sich nach der Scheidung gar nicht um ihre Kinder kümmern;

2. Väter, die sich gekränkt fühlen, sich rächend oder störend einbringen wollen und um die gemeinsame Obsorge kämpfen (auf diese Gruppe zielen wohl die Pläne der Justizministerin);

3. und schließlich gibt es auch die erfreulich wachsende Gruppe der Väter, die sich wirklich um ihre Kinder kümmern wollen und dies auch tun, ganz ohne Vorschreibung.

Sinnvolle Maßnahmen können jedenfalls nur gemeinsam mit Experten und Alleinerziehenden erarbeitet werden.

Der Österreichische Frauenring (ÖFR), Dachorganisation von mehr als 40 Frauenvereinen, spricht sich entschieden gegen die Idee der automatischen gemeinsamen Obsorge von Justizministerin Bandion-Ortner aus und bedauert es daher sehr, nicht zu dem am kommenden Montag anberaumten Runden Tisch im Justizministerium eingeladen worden zu sein. (Christa Pölzlbauer/DER STANDARD-Printausgabe, 17.9.2010)

CHRISTA PÖLZLBAUER ist Psychotherapeutin und Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings (www.frauenring.at)

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