Kunstraub

28. April 2003, 20:24
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Nicht, dass ich gut heißen könnte oder würde, was B. da treibt. Ich kann auch nicht überprüfen, ob ...

... er nicht ein bisserl dick aufträgt. Andererseits macht man es ihm scheinbar sehr einfach. Zu einfach. Früher wie heute. Denn, sagt B., weil er mittlerweile in einem Alter sei, in dem die eigene Eitelkeit in den Hintergrund treten könne und andere Dinge wichtig würden, klaue er jetzt anderswo. Im Shop der Albertina nämlich.

Thrill-Dieb

B. ist Thrill-Dieb. Einer, der nie aus der Phase pubertärer Mutproben heraus gewachsen ist. Keiner, der aus Not klaut. Deswegen hat er auch einen – etwas seltsamen – selbstgezimmerten Ehrenkodex. In dem steht, wo und wem B. was klaut. Nicht weiter überraschend: Genommen wird nur, wo große, böse oder selbstherrliche Firmen getroffen werden. Robin-Hood-mäßig halt, sagt B. entschuldigend. Dass das lächerlich klingt und ist, weiß er selbst.

"Umtauschen"

Früher war B. Textildieb: Er kaufte. Mittelteuer. Daheim fädelte er die Preisschilder aus – und hängte sie an alte, aber saubere und gebügelte Fetzen. Mit denen im Originalsackerl, die Preiszettel gut sichtbar und den Kassazettel in der Hand ging er dann "umtauschen". An Einkaufssamstagen. Bis vor einem halben Jahr, sagt B., habe das funktioniert: je gestresster die Verkäufer waren, um so besser. Manchmal ließ sich B. Geld retournieren. Dann stand aber ein Bekannter von B. an der Kassa. Er ließ B. doch laufen. Nicht ohne ihm zu sagen, dass der Trick nun bekannt sei. Und das Personal Probleme bekäme, wenn es auf den Schmäh noch einmal hereinfalle.

Störender Alarm

B. seufzte, dachte an seinen übervollen Kleiderkasten – und freute sich, als er das erste Mal im Museumsshop der Albertina war: Kunst ist schließlich hold und hehr. ­Und der Albertina-Shop ist gut bestückt und hübsch gemacht. Und knackevoll. Außerdem hat er zwei Ausgänge. An keinem der beiden sei irgendeine Schranke, die geklautes Gut erkennen würde, sagt B. Das - B. hat sich umgehört – liege daran, dass der stets auf Inszenierung, hübsche Bilder und die medial möglichst umfassend wahrgenommene Darstellung seiner selbst im musealen Raum so überaus bedachte Direktor des Hauses angeblich expressis verbis deren Anschaffung untersagt haben soll: Ladendiebstahlsalarmsirenen würden das feine Ästhetikempfinden des Direktors stören, soll es geheißen haben.

B. hat keine Skrupel: Der Mann wolle es also nicht anders, meint er. Vielleicht, mutmaßt B., wolle er ja auch helfen, Kultur unters Volk zu bringen. Als der Direktor in einer Zeitschrift sagte, er ziehe subotimale Lösungen dem wiederholten Sich-selbst-mit-lästigen-Themen-Auseinandersetzen-müssen vor, hat B. miterlebt, wie neben ihm seelenruhig seine Taschen füllte. Ein Tourist alarmierte eine der beiden Verkäuferinnen. Bis die vor Ort gewesen sei, war vom Dieb längst nichts mehr zu sehen.

Mittlerweile war B. mehrmals im Albertina-Shop. Einmal auch, um "umzutauschen". Der Versuch, gestohlene Ware gegen Geld zurückzugeben, steht aber noch aus: Der Herr Direktor, hört man schließlich, habe sich beim Budget ein bisserl verlesen. Und als kunstsinniger Staatsbürger, sagt B., habe man schließlich auch eine gewisse Verantwortung. Gegenüber der Kultur.

Nachlese

--> In der Lagunenstraße
--> Banales Kreuzungsgeschehen
--> Der Mitesser

--> Gratis parken
--> Sternmarsch
--> Wie bei Oma
--> Indien
--> Ein Geschenk

--> Speckgürtel
--> Valentinsdebakel
--> Die Mulde
--> Die Tunnel unter der Stadt
--> Flugrattenpflege

--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby

--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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