Das "Projekt Demokratie im Irak"

28. April 2003, 19:40
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Hans Rauscher schreibt in seiner Kolumne über in der Bush-Regierung und die Unfähigkeit und fanatisierte schiitische Massen

Im eroberten und befreiten Irak rücken nun die Opfer des Saddam-Regimes ins Gesichtsfeld und es zeigt sich das Bild eines unablässigen, nie aufhörenden, quasi nach dem Zufallsprinzip verlaufenden Terrors, der jeden treffen konnte. Menschen ohne Ohren und Zungen werden gezeigt, und die Verschonten, die in den Verliesen und auf den anonymen Friedhöfen nach ihren vor zwanzig Jahren und mehr verschwundenen Freuden und Verwandten suchten. Saddams Irak war ein einziger, fünfundzwanzig Jahre währender Folterkeller und dass es damit nun vorbei ist, darüber muss man wirklich Freude empfinden.

Aber dann gibt es andere Berichte und Reportagen, in denen gezeigt wird, wie in den geplünderten Spitälern praktisch keine Behandlungen mehr möglich sind. Dann stellen sich Fragen: Die Kämpfe sind seit Wochen vorbei. Man sollte meinen, dass inzwischen große amerikanische Herkules-Transporter im Irak landen, voll gepackt mit Medikamenten und medizinischem Gerät oder vielleicht sogar mit kompletten Feldspitälern, um die medizinische Versorgungskrise zu bekämpfen. Das ist aber offenbar nicht der Fall.

Zusätzlich gibt die US-Besatzungsverwaltung eine Pressekonferenz, in der a) erklärt wird, man könne nicht von einer humanitären Katastrophe sprechen und b), jetzt sei es aber wirklich notwendig, für eine Versorgung mit sauberem Wasser zu sorgen.

Man sollte meinen, dass das längst geschehen ist, zumal die E-Werke und die Wasserwerke im Gegensatz zum ersten Golfkrieg von Bombardierungen bewusst verschont wurden, weil man Folgeschäden für Kinder durch verschmutztes Wasser diesmal vermeiden wollte. Aber offenbar ist die US-Militärverwaltung bisher nicht in der Lage, für sauberes Wasser zu sorgen. Die ersten Fälle von Typhus und Cholera (!) wurden bereits gemeldet.

Womit sich die Frage stellt: Ist das Unfähigkeit oder bewusste Politik der Verantwortlichen in der Bush-Regierung? Stand das Militärische so im Vordergrund? Hat sich niemand über das Danach ausreichend Gedanken gemacht? Oder fühlt sich das Rumsfeld-Pentagon für das eroberte Land nicht wirklich zuständig? "Its not our job", hieß es, als man der Armee vorwarf, das Bagdader Nationalmuseum (und etliche andere Museen) nicht vor der katastrophalen Plünderung bewahrt zu haben. Noch ist nicht klar, ob der Schaden der schlimmste denkbare ist, nämlich die Auslöschung eines Kulturerbes, das die Wiege unserer (städtischen) Zivilisation darstellt; oder ob nicht doch die wichtigsten Kunstwerke vorher ausgelagert wurden. Aber auf alle Fälle wurden Zehntausende Gegenstände, die die älteste Zivilisation der Erde dokumentieren, wie etwa die ersten Schriftzeugnisse auf Terrakottatafeln, mutwillig zerstört, wofür Rumsfeld nur Witzeleien übrig hatte.

Die USA haben den Irak in Besitz genommen - nun haben sie dafür zu sorgen, oder hätten von Anfang an dafür sorgen müssen, dass seine Bevölkerung so wenig Schaden wie möglich nimmt. Die Anstrengungen dazu nehmen sich aber ziemlich bescheiden, inkompetent oder nonchalant aus. Was das für Folgen für die Pläne hat, aus dem Irak einen "Leuchtturm der Demokratie" in der Region zu machen, kann man sich leicht ausmalen.

Die Bilder von den fanatisierten schiitischen Massen lassen schon genug Unheil vermuten. Wenn nun die USA auch die gemäßigtere und gebildete Mittelschicht des Irak durch arrogante Inkompetenz vor den Kopf stoßen, dann wird das Projekt "Demokratisierung des Irak" böse enden. hans.rauscher@derStandard.athans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.4.2003)

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