"Sell in May and go away ..."

5. Mai 2003, 14:20
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Die "kaufen und halten"-Strategie wird verstärkt angezweifelt - Gastkommentar von Michael Margules

Man kaufe Aktien und lasse sie möglichst lange liegen. Doch seit drei Jahren funktioniert das Kochrezept nicht mehr. Die Märkte fallen, statt zu steigen, und mit ihnen bringt die Anlagephilosophie „kaufen und halten“ leicht empfindliche Verluste. Die lange Zeit ge- und verschmähten Anleihen haben seit 2000 weit höhere Erträge gebracht als Aktien, und selbst Geldmarktfonds haben sich besser entwickelt. Und mit einer Baisse, die ins vierte Jahr geht, und dem Negativbeispiel Japan vor Augen wird diese Strategie - in Fachkreisen „Buy and hold"-Strategie, also "kaufen und halten" genannt - zunehmend hinterfragt. Ganz abgesehen von der vor allem nachträglich betrachtet banalen Erkenntnis, dass in den vergangenen drei Jahre wäre eher eine Sell-and-hold-Strategie angebracht gewesen wäre, stehen Investoren nicht nur im bezug auf die grundsätzliche Philosophie, Aktien unter langfristigen Horizont zu (be)halten, vor der (Aktien)Sinnfrage.

Bis 70 Prozent Verluste

„Wieso sich überhaupt abmühen mit Aktienanlagen?“fragt sich so mancher Investor. Seit ihrem Höchst im März 2000 haben Aktien zwischen 40 (Dow Jones und S&P, FTSE 100) bis 70 Prozent (DAX, Nasdaq) an Wert verloren. Nicht nur die Höhe dieser Verluste, auch die Länge der Baisse – sie dauert schon drei Jahre – belastet das Vertrauen der Anleger. Gemäß einer Studie des Genfer Bankhauses Pictet ereigneten sich sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in der Schweiz seit 1926 bereits zwei Mal drei negative Jahre in Folge. In den USA war der Markt nach dem Crash 1929 sogar vier Jahre lang negativ, wobei im Folgejahr ein Plus von über 50% resultierte. Dies verdeutlicht auf eindrückliche Art die Gefahren des Market timings. Sicher: die Zeiten um 1930 lassen sich schwer oder gottlob gar nicht mit heute vergleichen. Damals kam die amerikanische Wirtschaft aus einer schweren Depression. Dennoch erkennt man, dass sich der Markt nach extremen Perioden damit schwer tut, ein neues Gleichgewicht zu finden. Eine entsprechend hohe Schwankungsbreite (Volatilität) ist die Folge, wie sich dies auch in der unmittelbaren Vergangenheit und wohl auch noch für längere Zeit in der Zukunft darstellt.

Fällt der Markt, ist eine aktive Strategie gefragt

Hier setzt eine weitere wichtige Regel des Geldanlegens an. Es genügt längst nicht mehr, wie dies in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre möglich war, Titel zu kaufen und liegen zu lassen. „Buy and hold“ wurde für Anleger, die diesen Grundsatz befolgten, zu oft zur Falle. Viele Anzeichen deuten heute darauf hin, dass sich der Markt für Dividendenpapiere grundsätzlich geändert hat. Die Entwicklung könnte, nach der großen hinter uns liegenden Korrektur, noch für etliche Jahre seitwärts verlaufen, mit beträchtlichen Schwankungen, im Fachjargon Volatilitäten genannt, auf beide Seiten – typische Anzeichen eines sogenannten Tradermarkts also. In einer solchen Situation wird es mehr als nur bloß wichtig, sich über die Entwicklung der Unternehmen, in die man investiert ist, konstant und nach Möglichkeit sogar detailliert auf dem Laufenden zu halten. Das geht allerdings und gleichzeitig nur dann, wenn sich die betreffenden Firmen um Transparenz und Information der Öffentlichkeit bemühen.

Aktien sind Risikopapiere

Manche Börsenweisheiten sind so selbstverständlich, dass man sie kaum noch hinterfragt: „Kaufen Sie Aktien, und nehmen Sie ein paar Schlaftabletten", lautete einer der Ratschläge von Börsenaltmeister André Kostolany. Ob und in welchem Ausmaß Aktienrisiken getragen werden sollen, kann letztlich aber nur derjenige entscheiden, der es zu übernehmen hat: der Anleger. Für den Anleger kann sich zudem ein antizyklisches Verhalten als Vorteil erweisen – zuwarten, wenn alle kaufen wollen, mit kühlem Kopf analysieren und abwägen, das Management zu beurteilen versuchen und eventuell dann einsteigen, wenn die Titel von der Börse vernachlässigt werden. Wichtig ist aber immer, sich selbst zu orientieren, nicht blindlings irgendwelchen Tips zu folgen. Richtig genutzt, durch Setzen von Verkaufszielen – Anlegen heißt auch verkaufen können! – kann sogar in schwierigen Zeiten ein ansprechendes Anlageresultat erzielt werden.

Doch trotz und selbst angesichts weiterhin wenig berauschender Berichte von der Wirtschafts- respektive Unternehmensfront, die auch unverändert ein holpriges Börsenszenario erwarten lassen, darf für jeden Befürworter einer freien Marktwirtschaft eine generelle Aktienabstinenz nicht in Frage kommen. Die Marktwirtschaft ist auf privates Kapital und einen freien Markt für dessen Verteilung in Form der Börsen und Kapitalmärkte angewiesen. Es stimmt: Aktienkapital ist Risikokapital. Risiko birgt aber auch Chancen.

Nachlese

--> Börsen vor der Trendwende
--> Drei Jahre Baisse reichen
--> Einer wird gewinnen
--> Schweigen in der Folterkammer
--> Politik beeinflußt die Börsen wenig
--> Die Baisse kann bis 2018 andauern...
--> 1:0 für Anleihen
--> Arme Rentner
--> Kanonendonner oder Kursfeuerwerk?
--> Gratis-Kredit für den Chef
--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> Haben „Bob the builder“ und US-Präsident Bush etwas gemein?
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.

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    foto: photodisc
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