"Er hat sicher immer ge­wusst, dass er nicht am Gipfel war"

9. September 2010, 17:30
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Gerfried Göschl, der 2005 den Mount Everest als erster Österreicher ohne künstlichen Sauerstoff und Trägerhilfe bestieg, zeigt sich betroffen von Christian Stangls K2-Erzählungen

Wien – Kann sich ein Bergsteiger den Gipfelsturm lediglich einbilden, ihn "visualisieren"? Ist das glaubwürdig? "Nein", sagt Gerfried Göschl, der 2005 den Mount Everest als erster Österreicher ohne künstlichen Sauerstoff und Trägerhilfe bestieg. "Christian mag unter hohem Leistungsdruck gestanden und deshalb in einem psychischen Ausnahmezustand gewesen sein, das mit dem Koma und der Trance ist aber absoluter Schwachsinn, er hat sicher immer gewusst, dass er nicht am Gipfel war. Dass solche Zustände nicht mit solchen Folgen einhergehen, kann ich nach mehrmaligen Aufstiegen über 8000 Meter und der Leitung zahlreicher Hochtouren-Expeditionen mit gutem Gewissen behaupten."

Erste Zweifel im August

Göschl, der seine beiden K2 Versuche auf der selben Route (Abruzzi Grat) wie Stangl absolvierte, zweifelte erstmals Ende August an Stangls Erfolg. Er verglich die von ihm selbst gemachten Fotos mit Stangls "Gipfelbild" und kam zum Schluss, dass hier ein Betrug vorliegt. Im engsten Freundes- und Familienkreis, Göschls Vater und Bruder sind ebenfalls erfahrene Höhenbergsteiger, fand er Bestätigung für seine Vermutung. An die Öffentlichkeit ging er zu diesem Zeitpunkt nicht, da er nicht den Eindruck von Neid und Missgunst erwecken wollte. In diesem Zusammenhang zeigt er sich auch verärgert über Stangls erste Reaktionen auf die Aussagen von Maxut Zhumayev und Török Zolt. Zhumayev war zur gleichen Zeit wie Stangl auf dem K2, hatte dessen Bild mit seinen eigenen verglichen und war zu dem Schluss gekommen, dass Stangls Beweisfoto nicht vom Gipfel aus gemacht worden sein könne. Göschl: "Maxut Zhumayev ist mit dreizehn Achttausendern über jeden Neid an Stangls Erfolgen erhaben. Ihn der Lüge zu bezichtigen ist äußerst ungeschickt!"

Den Gipfelbeweis sieht Göschl nach wie vor als relativ einfache Sache. Normalerweise reicht ein Gipfelfoto, die Aussagen von Bergpartnern oder das Absenden eines GPS-Signals. Göschl deponierte übrigens bei seiner erfolgreichen Mount Everest Besteigung einen steirischen Erdapfel am Gipfel, der von einer nachfolgenden Expedition fotografiert wurde. Der Liezener bezeichnet sich als keinen großen Freund der Übertechnisierung am Berg und zählt mehr auf Handschlag-Qualitäten in Bergsteigerkreisen. Deshalb glaubte er zunächst auch zweifelsfrei an Stangls Erfolg am K2.

Gebrochener Ehrenkodex

Nun spricht Göschl aber von einem gebrochenen Ehrenkodex: "In der Bergbranche gilt es als ungeschriebenes Gesetz ehrlich von Erfolgen, aber auch von Niederlagen zu berichten. Er hat nicht nur sich, sondern der ganzen professionellen Alpinszene einen großen Schaden zugefügt und erinnert an Bernhard Kohl. Persönlich tut er mir leid, er befindet sich in einer furchtbaren Situation. Christian ist ein langjähriger Bergpartner meines Bruders Wolfgang und daher kenne ich ihn persönlich recht gut. Er ist sogar ein wenig mitverantwortlich, dass ich mit dem Bergvirus infiziert wurde. Ein paar frühe Klettertouren im Gesäuse sind wir gemeinsam gegangen."

Umso mehr entsetzt ihn das Vorgehen Stangls, vor allem die Zusammenhänge rund um seinen "Gipfelsieg". Zwar kamen im Lauf der Bergsteiger-Geschichte immer wieder Unwahrheiten über Besteigungen vor, auch an den Achttausendern, aber nicht in dieser Konstellation und Dimension meint Göschl. Zuerst der tödliche Absturz von Stangls K2-Expeditionspartner Ericsson mit Umkehr von Kaltenbrunner und dann ein "derartig sensationeller und medienträchtiger" Soloaufstieg bei schwierigsten Verhältnissen eine Woche später. Göschl bezeichnet die ganze Sache schlicht als "Dreistigkeit". (Nicola Werdenigg; derStandard.at; 9. September 2010)

Links

gerfriedgoeschl.at

wikipedia.de: Gerfried Göschl

Zur Person

Gerfried Göschl ist Diplompädagoge für Hauptschulen (Mathematik, Geschichte und Sport), Erlebnispädagoge und Jugend- und Familienberater. Als staatlich geprüfter Instruktor für Hochtouren ist er als Leiter von Bergfahrten und Expeditionen für den Österreichischen Alpenverein tätig. Er ist außerdem Mitglied beim Alpinen Rettungsdienst Gesäuse und lebt mit seiner Familie in Liezen. Seit September 2010 betätigt sich Göschl beruflich ausschließlich als professioneller Bergsteiger.

Bergsteigerische Leistungen von Gerfried Göschl

• Erfolgreiche Besteigung von sechs Achttausendern

• Internationale Aufmerksamkeit erregte Göschl erstmals 2005 durch seine Besteigung des Mount Everests ohne zusätzlichen Sauerstoff. Er war dabei der erste Österreicher der den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff und ohne Trägerhilfe bestieg. 29 Tage zuvor erreichte Göschl den Gipfel des Shisha Pangma. Durch die erst malige Besteigung beider Gipfel ohne Trägerhilfe innerhalb einer Saison, gewann Göschl hohe Anerkennung in der internationalen Szene.

• 2009 beging Göschl den Nanga Parbat über den Nord-West-Pfeiler, einem sogenannten Königsweg (alpine Bezeichnung für Erstbegehung einer neuen Route) im Alpinstil.

  • Göschl: "Beide Bilder sind fast vom gleichen Standort geschossen, meines (7.600 Meter) ist etwas höher, ich habe es selbst gemacht beim Abstieg von 8.300 Meter. Das Foto von Stangl...
    foto: gerfried göschl

    Göschl: "Beide Bilder sind fast vom gleichen Standort geschossen, meines (7.600 Meter) ist etwas höher, ich habe es selbst gemacht beim Abstieg von 8.300 Meter. Das Foto von Stangl...

  • ...wurde bei  Lager 3 auf 7.400 Meter aufgenommen."
    foto: christian stangl

    ...wurde bei Lager 3 auf 7.400 Meter aufgenommen."

  • Gerfried Göschl am Weg zum K2 auf ca.7.700 Meter.
    foto: gerfried göschl

    Gerfried Göschl am Weg zum K2 auf ca.7.700 Meter.

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