"The American": "Ich brauchte einen, der viel ohne Worte sagen kann"

9. September 2010, 18:22
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In Anton Corbijns existenziellem Thriller "The American" ist ein stoischer George Clooney zu entdecken - Dominik Kamalzadeh traf den Regisseur zum Gespräch

STANDARD: Ihr Debüt, "Control" , war ein sehr persönlicher Film über die britische Band Joy Division und deren Sänger Ian Curtis, den Sie noch persönlich gekannt haben. "The American" geht als Genrefilm in eine vollkommen andere Richtung - welchen Bezug haben Sie zum Thriller?

Corbijn: In Control war ich emotional sehr involviert. Nun suchte ich einen Neubeginn. Ich habe ja keinerlei Filmausbildung, weiß auch gar nicht viel über Film und verlasse mich mehr auf meine Intuition. Genres, die mich interessiert haben, waren Western, Thriller und düstere Komödien. Neben Laurel & Hardy waren es TV-Westernserien, die ich als Neunjähriger gesehen habe. Obwohl ich in meiner visuellen Sprache sehr holländisch bin, blieben diese Arbeiten mein visuelles Gepäck. The American verfügt über die moralische Struktur eines Westerns. Da ist der einsame Held, der als Fremder an einen Ort kommt und den seine Vergangenheit einholt. Da ist die alte Ideologie von Gut gegen Böse, auch diese Idee von Vergebung. Wie im Western gibt es auch keine Hintergrundgeschichte - nur die Reise, die der Held durchlebt, ist wichtig.

STANDARD: Der Film ist sehr gemäßigt in seinem Tempo. Der Blick ruht oft auf den handwerklichen Qualitäten des Protagonisten. Das erinnert alles ein wenig an die Filme von Jean-Pierre Melville ...

Corbijn: Lustig, ich kenne keinen einzigen Film von Melville, bin aber sehr offen für diese Referenzen! Die Geschichte von The American ist natürlich sehr archetypisch. Meine Sorge ist, dass ich zu stark beeinflusst werde, wenn ich zu viele Filme sehe. Wichtig waren für mich Thriller der 70er-Jahre, Coppolas The Conversation, auch The Day of the Jackal. Das Tempo dieser Filme liegt mir - diese Liebe zum Handwerklichen, die auch den Protagonisten bestimmt. Nicht alles muss 3D sein!

STANDARD: George Clooney ist Jack, ein Profi-Killer, der aufhören will, aber dem der Ausstieg nicht gelingt. Was hat Sie an seiner existenziellen Krise interessiert?

Corbijn: Ich glaube, das ist etwas, was das Leben der meisten Leute bestimmt. Eine große Sache: Wie kann ich mein Leben ändern, wenn ich erkannt habe, dass die Dinge nicht mehr so laufen wie früher. Auch diese Idee, dass man für seine Taten verantwortlich ist, gefällt mir. Das sollten Politiker stärker berücksichtigen.

STANDARD: Clooney ist ein omnipräsenter Star. Sie betonen seine dunkle Seite - er ist misstrauisch, geht keine Verbindungen ein. Wollten Sie ihn neu erfinden?

Corbijn: Mir gefiel diese nachdenkliche Seite, die er schon in Michael Clayton gezeigt hat. Er ist ein sehr cleverer Schauspieler und beschloss wohl, an diesem Punkt seiner Karriere seine sinistre Seite zu offenbaren. Für den Film brauchte ich jemanden, der viel ohne Worte sagen konnte. Man muss sich für den Held interessieren, selbst wenn er nur seine Hände bewegt. Man muss in sein Inneres sehen können. In gewisser Weise wird George Clooney hier etwas weniger George Clooney, dafür aber mehr zu einem Charakter. Die einzige Gefahr, wenn man mit einem Star wie ihm zusammenarbeitet, ist ja, dass man immer nur den Star sieht.

STANDARD: Eine große Rolle spielt überdies die Landschaft, ein Dorf in den Abruzzen. In welcher Treatment-Phase kam es hinzu?

Corbijn: Sehr früh, denn es gab diese Referenz bereits im Buch. Ich habe mich sofort in diese Region verliebt. Es ist eine Landschaft, die an Spaghetti-Western erinnert, keine Postkartenidylle von Italien, sondern eine wilde, zerfurchte Landschaft.

STANDARD: Sie haben sich als Fotograf und Musikvideo-Macher einen Namen gemacht. Der Film ist visuell denkbar weit entfernt von dem, was man üblicherweise mit Musikvideos verbindet. Eine Strategie?

Corbijn: Man muss die richtigen Tunes für das entsprechende Medium finden. Aber schon meine Videos waren nicht die schnellsten. Die Videos, die Musik, die Fotografie - das ist alles auch Teil der Filmarbeit. Meine ganze Erfahrung fließt in diesen Film. Ich wusste von Beginn an, dass das anders als meine Videos aussehen würde. Die Gefahr ist ja sonst, dass der Film wie eine Werbung wirkt. Er sieht vielleicht gut aus, hat aber keine Poesie. Glauben Sie mir, es ist das einfachste der Welt, Dinge gut aussehen zu lassen.

STANDARD: Sie haben mit Ihren Fotografien das Branding von Bands wie U2 und Depeche Mode mitbestimmt. Warum haben Sie mit dieser Arbeit aufgehört?

Corbijn: Ich finde das Medium nicht mehr aufregend genug - ich habe schließlich seit 1983 Videos gemacht! Ich versuche nicht zu viel über diese Marketingsachen nachzudenken, aber es stimmt schon, alles reduziert sich zur Größe einer CD, das funktioniert wie ein Logo. Aber ich mochte U2 und Depeche Mode anfangs auch nicht. Das ist erst mit der Zeit zu einer innigen Beziehung geworden. Ich habe nicht an ihre Türen geklopft.

STANDARD: Weil wir in der Stadt von Freud sind, noch eine biografische Frage ...

Corbijn: Soll ich mich auf die Couch legen?

STANDARD: Sie sind auf der holländischen Insel Strijen aufgewachsen, als Sohn eines Pastors. Da gab es kein Kino, kaum Bilder. Hat das Ihre Einbildungskraft beflügelt?

Corbijn: Zum einen kommen aus dieser Zeit moralische Vorstellungen, die auch in diesen Film geflossen sind. Das ist ein Teil meiner Arbeit, den ich nicht genug bekämpfen kann. Das andere ist der Mangel an Bildern. Der Umstand, dass es sich um eine Insel gehandelt hat - mittlerweile ist sie über Brücken mit dem Festland verbunden -, hat sich damals so geäußert, dass die Beatles, das Fernsehen, alle aufregende Töne aus der Ferne kamen. Ich bin wahrscheinlich am stärksten durch Musik beeinflusst. Der einzige Grunde, warum ich je eine Kamera in die Hand nahm, war, weil sie mich dieser Welt näher brachte. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 10. September 2010)

Ab 17. 9. im Kino.

Anton Corbijn (55) begann bereits als Jugendlicher, Musikkonzerte zu fotografieren. Im London der späten 70er-Jahre begleitet er Bands wie Joy Division mit der Kamera, später u.a. U2, Depeche Mode und Nirvana, für die er auch Musikvideos produzierte. Mit dem Joy-Division-Drama "Control" legte Corbijn 2007 sein Debüt als Filmemacher vor.

  • Regieanweisung für einen Superstar, der sich ungewohnt schweigsam zeigt:
 George Clooney spielt in Anton Corbijns Thriller "The American" , einen
 Mann auf der Flucht.
    foto: tobis

    Regieanweisung für einen Superstar, der sich ungewohnt schweigsam zeigt: George Clooney spielt in Anton Corbijns Thriller "The American" , einen Mann auf der Flucht.

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